Stellenbörsen im Internet gibt es nicht nur beim Arbeitsamt. Immer öffter finden erste Kontakte über Internetforen statt. Foto: dpa
Headhunter interessieren sich für die Communities im Internet: bei Xing & Co. entdecken sie so manches Talent
Stuttgart - Was macht eigentlich die Sabine aus meiner Abiturklasse? Und was ist aus Thomas nach der Bundeswehr geworden? Früher musste man für die Suche nach alten Freunden und Bekannten fast schon einen Privatdetektiv engagieren, heute geht alles viel leichter: in Internetforen wie zum Beispiel Xing (ehemals Open BC). Je mehr das Internet als Plattform für Communities genutzt wird, desto einfacher ist es, Menschen zu finden und ihren Werdegang zu verfolgen.
Das machen sich auch Headhunter zunutze. Bisher mussten sie sich intensiv in eine Branche einarbeiten, um zu wissen, wo die innovativen Köpfe, Vertriebsgenies und Leistungsträger arbeiten. Dann haben sie sich die Finger wund gewählt und die Gespräche mit dem berühmten Standardsatz begonnen: "Können Sie offen sprechen?" Künftig erledigen Suchmaschinen einen Teil der Vorarbeit, denn die Mitglieder von Communities sind oft sehr großzügig mit ihren persönlichen Daten und stellen den gesamten Lebenslauf online - also Aus- und Fortbildung, Spezialisierungen, Projekte, heutige und frühere Arbeitgeber bis hin zu den persönlichen Interessen. Für den Erstkontakt reicht eine Mail, und am Arbeitsplatz bekommt niemand etwas mit.
"Solche Plattformen und Netzwerke sind eine gute Gelegenheit, mit Kandidaten in Kontakt zu treten", sagt Ilse Otholt-Haneberg, Geschäftsführerin von Personal Total Hamburg Mitte, "der Markt wird enger, und bei der Suche nach guten Leuten reichen die klassischen Recruiting-Kanäle nicht mehr aus." Vor allem die Punktlandung bei detaillierten Vorgaben der Auftraggeber fällt über Onlineplattformen deutlich leichter. "Solche Netzwerke sind wie eine große Bewerberdatenbank." Genau das macht Unternehmen nervös. Sie wollen nicht, dass sich ihre besten Leute für alle sichtbar auf dem Silbertablett präsentieren. Viele haben längst die Mitarbeiterdaten von der Firmenhomepage gelöscht, um den Headhuntern ihre Arbeit zu erschweren. Doch sie haben natürlich keinen Einfluss darauf, in welchen Foren sich ihre Belegschaft privat bewegt.
Xing-Geschäftsführer Lars Hinrichs hält diese Sorgen für unbegründet: "Rund zwei Drittel aller Jobs werden schon heute über Bekanntschaften und nicht über Stellenanzeigen vergeben." Online-Netzwerke erleichtern lediglich die Ansprache und die Empfehlung untereinander. Die Augen offenzuhalten lohnt sich nicht nur in eigener Sache - vielleicht passen ja Freunde und Kollegen auf die Stelle.
Früher hatten solche Vitamin-B-Karrieren ein G'schmäckle, aber je größer die Community, desto seriöser wird diese Art der Jobvergabe. "Die virtuelle Welt lebt ja gerade von Kontakten", betont Hinrichs. Bei einem durchschnittlichen Arbeitsplatzwechsel von drei bis vier Jahren - in den USA ist der Zyklus noch kürzer - seien Netzwerke sehr wichtig.
Ein weiterer Aspekt: Nur ein kleiner Bruchteil der Mitglieder von Communities sucht überhaupt einen neuen Job, was solche Plattformen deutlich von den klassischen Online-Jobbörsen abgrenzt. Allerdings kann es nichts schaden, seinen aktuellen Marktwert zu ermitteln und für Mitarbeitergespräche und Gehaltsverhandlungen zu nutzen. Außerdem freut sich nicht jeder über Anfragen von Headhuntern. Experten mit gesuchten Qualifikationen - besonders rar sind SAP-Berater mit Erfahrung in Projektmanagement - müssen täglich Dutzende von Mails beantworten, obwohl sie in ihrem Job rundum glücklich sind. Ein Insider berichtet, dass einige Mitglieder ihre Profile schon wieder gelöscht haben, weil sie sich von Headhuntern belästigt fühlten.
Dieser Trend sowie die steigende Nachfrage nach potenziellen Mitarbeitern sind Gründe, warum Xing eine separate Rubrik "Jobs" eingerichtet hat. Dort kann sich jeder über offene Stellen informieren und bei Interesse aktiv werden. Zurzeit werden dort vorwiegend technische und informationstechnische Positionen angeboten, wie beispielsweise Produktmanager, HTML-Programmierer, Ingenieure und Experten für Softwarequalität. Aber auch Manager für Marktentwicklung, Team-Assistenten und Studenten werden gesucht. Das automatische Matching soll die Suche beschleunigen und verbessern. Hinrichs betont ausdrücklich, "dass Firmen und Personalberater keine Teilnehmerdaten erhalten".
Ein spezialisierter Onlinemarktplatz ist Experteer: Hier trifft sich die Crème de la Crème - unter 60.000 Euro Jahresgehalt geht hier gar nichts. Das reicht bis zu Top-Positionen, zum Beispiel IT-Leiter Technik und Entwicklung, die je nach Unternehmen bis zu 150.000 Euro aushandeln können. "Täglich werden bei uns Spezialisten für mehr als 400 Positionen gesucht", so Geschäftsführer Christian Göttsch. Rund 15.000 Stellen verzeichnet die Plattform, die meisten im IT-Bereich. "IT-Architekten, IT-Berater und alle, die Software implementieren können, werden hier angeworben". Wie bei Xing erhalten die Unternehmen keinen Zugang zu den Profilen, "denn in Einzelfällen könnten Personaler ihre Mitarbeiter wiedererkennen - selbst in anonymisierten Profilen", so Göttsch.
Trotz der Gefahr der Abwanderung profitieren Unternehmen mehr von solchen Netzwerken, als dass sie ihnen schaden, davon ist jedenfalls Johannes Hack überzeugt: "Für ein gutes Business braucht man gute Leute mit guten Beziehungen", fasst der Geschäftsführer von JobScout24 zusammen. Seiner Ansicht nach wirken sich Restriktionen eher negativ auf die Motivation und das Betriebsklima aus. "Bindung entsteht durch eine positive Unternehmenskultur, also gute Führung, interessante Perspektiven und gute Produkte." Und natürlich durch Investition in die Mitarbeiter wie etwa Weiterbildung.
"Die wurde jedoch in den vergangenen Jahren vernachlässigt", kritisiert Ilse Otholt-Haneberg von Personal Total. Wenn dann die Konjunktur wieder anzieht und ein lukratives Angebot winkt, springen all diejenigen ab, die man schlecht behandelt hat, "und zwar unabhängig vom Kanal, über den sie angeworben werden", betont Otholt-Haneberg. Reisende lassen sich eben nicht aufhalten.