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Vor 70 Jahren

Rosemeyers letzte Fahrt

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Mit 28 Jahren verunglückte Bernd Rosemeyer tödlich. Hier ist er mit seiner Ehefrau, der erst kürzlich mit 100 Jahren verstorbenen Luftfahrtpionierin Elly Beinhorn, zu sehen
Foto: dpa

Einer der ersten Sportstars Deutschlands war der Rennfahrer Bernd Rosemeyer
 

Frankfurt/Main - Mit 400 km/h rast ein silbernes Geschoss über eine Verkehrsstraße: Sie besteht aus Betonplatten, kaum acht Meter breit; links davon ein schmaler Grünstreifen, auf der anderen Seite der Wald. Bei 400 km/h wird die Bahn zum fadendünnen Strich, die Kontrolle des Lenkrads Millimeterarbeit. Unter den Brücken erhält der Pilot durch den Luftstau furchtbare Schläge auf die Brust. Die Nervenanspannung ist derartig, dass er am Ende oft nicht ohne Hilfe aussteigen kann. Sein Name: Bernd Rosemeyer.

Auto Union und Mercedes überbieten sich auf dem neuen Verkehrsweg Autobahn in den dreißiger Jahren mit solchen Rekordfahrten. Auto Union, das Unternehmen mit den vier Ringen als Markenzeichen, war infolge der Wirtschaftskrise 1932 gegründet worden. Um der übermächtigen Marke Mercedes auf den Rennstrecken Paroli bieten zu können, lässt man im Büro von Ferdinand Porsche in Stuttgart einen Wagen mit V-16-Zylindermotor und einem revolutionärem Konzept entwickeln: Das Triebwerk ist hinter dem Fahrer angeordnet - heute im Motorsport eine Selbstverständlichkeit.

Zum ersten Mal in die Schlagzeilen kommt der Wagen durch eine Rekordfahrt von Hans Stuck: Der Rennfahrer holt sich im März 1934 auf der Berliner Avus drei Weltrekorde der Klasse C. Unter anderem absolviert er eine Stunde Fahrt mit einem Schnitt von 217 km/h. Publikumswirksam wird das Fahrzeug danach in der Hauptstadt auf der Internationalen Automobilausstellung präsentiert - noch bevor die etablierte Mercedes-Rennwagenschmiede in Untertürkheim ihren neuen W 25 der Öffentlichkeit vorgestellt hat. Mit der Herausforderung seitens der Auto Union (AU) beginnt ein jahrelanger Kampf um Prestige und Absatzchancen. Anfangs muss man für Rekordfahrten noch manchmal auf Pisten im Ausland ausweichen, in Italien oder Ungarn. Aber als erste Abschnitte der "Straße des Führers" fertig sind, wird das Duell der beiden Marken fortan auf deutschem Boden ausgetragen. Das NS-Regime erkennt rasch, wie gut sich Rennsiege und Geschwindigkeitsrekorde propagandistisch ausnutzen lassen. Die Nazis unterstützen beide Firmen finanziell und lassen im Oktober 1937 auf einem kerzengeraden Abschnitt zwischen Frankfurt und Darmstadt eine "Rekordwoche" austragen, an der sich mehrere Firmen mit Autos und Motorrädern beteiligen.

Rosemeyer, das Zugpferd von Auto Union und ein strahlender Rennfahrerheld

Rosemeyer
Foto: dpa
Den Auto-Union-Stromlinienwagen steuert Bernd Rosemeyer, der neue Stern am Motorsporthimmel. Er hat einen atemberaubenden Aufstieg hinter sich. Nach langen Motorradjahren ist er 1935 ins AU-Team aufgenommen worden und beherrscht von Anfang an das schwierige Gefährt, das als "Heckschleuder" berüchtigt ist. Bereits in der Saison 1936, einem guten Jahr für Auto Union, eilt er von Sieg zu Sieg, gewinnt die Großen Preise von Deutschland, der Schweiz und Italien, erringt am Ende den höchsten seinerzeit zu gewinnenden Titel des Europameisters. Rosemeyers sportliche Erfolge begeistern das Publikum. Aber auch sein Auftreten: Er ist ein gut aussehender, junger Draufgänger, ein Siegertyp. Im Juli 1936 heiratet er die bekannte Fliegerin Elly Beinhorn, die sein weibliches Gegenstück ist: jung, mutig, gut aussehend - Deutschland hat sein Traumpaar. Im nächsten Jahr wird ein Sohn geboren, Rosemeyers privates Glück scheint perfekt.

Auf der Autobahn macht er auch 1937 von sich reden und setzt neue Bestmarken in Serie: über einen Kilometer mit stehendem Start, über zehn Meilen mit fliegendem Start, Weltrekorde, internationale Klassenrekorde - eine Erfolgsmeldung jagt die andere. Vor allem geht für den blonden Bernd sein sehnlichster Wunsch in Erfüllung: Er ist der Erste, der auf einer "normalen" Straße schneller als 400 km/h fährt. Die absoluten Höchstgeschwindigkeiten werden schon zu dieser Zeit auf einer Piste erzielt, die bis heute für Rekorde gut ist: auf dem Salzsee in Utah, USA. Doch Rekordfahrten außerhalb Deutschlands kommen aus Gründen des nationalen Prestiges nicht in Frage.

Mit verbesserter Aerodynamik erste Versuche im Windkanal

Eindeutiger Verlierer bei der Tempokonkurrenz im Herbst 1937 ist Mercedes. Die Wagen sind schwer zu fahren, werden von den AU-Wagen abgehängt. Mercedes zieht seine Autos zurück, doch das Debakel lässt die Daimler-Benz-Führung nicht ruhen. Sie erreicht bei der NS-Sportbehörde, dass im Januar neue Versuche stattfinden. Man will sich noch vor der Automobilausstellung in Berlin wieder an die Spitze setzen. Natürlich will die Auto Union nicht kampflos beigeben. Unter hohem Zeitdruck wird in Zwickau der Rekordwagen weiterentwickelt. Die Motorleistung lässt sich nur noch geringfügig steigern und beträgt jetzt 560 PS. Weit erfolgversprechender ist die Verbesserung der Aerodynamik, denn in diesem Punkt waren die Silberfische aus Sachsen auch zuvor schon den bulligen Rennwagen aus Untertürkheim überlegen.

Mit verkleinerten Modellen macht AU Versuche im Windkanal. Sie führen dazu, dass man zwischen den vorderen und hinteren Radkästen Wülste anbringt, die eine durchgehende Schulterlinie ergeben. Und man verlängert die Karosserie mit Metallschürzen bis fast auf den Boden. Das ergibt einen höheren Anpressdruck, macht den Wagen aber viel empfindlicher gegen Seitenwind. Außerdem kann man den vorderen Lufteinlass verschließen, denn der Motor wird aus einem großen Wassertank gekühlt. Das überarbeitete Fahrzeug kann aber nur kurz und auch nicht im Grenzbereich getestet werden. AU rechnet mit einer Höchstgeschwindigkeit von etwa 450 km/h.

Der 28. Januar 1938

Rosemeyer
Foto: Archiv Völker
Am 28. Januar 1938 treffen sich die Konkurrenten auf der Autobahn bei Frankfurt. Es ist früher Morgen, klirrend kalt, aber windstill. Innerhalb einer Stunde muss je eine Fahrt in beide Richtungen durchgeführt werden. Das bedeutet etwa fünf Kilometer Anlauf, dann die Messstrecke, Auslauf, dann wenden, nächster Versuch. Die westliche der beiden Fahrbahnen ist hierfür gesperrt worden. Mercedes-Spitzenfahrer Rudolf Caracciola hat einen Wagen mit verbesserter Karosserie zur Verfügung, unter deren Blech ein Zwölfzylinder-Triebwerk mit über 700 PS brüllt. Caracciola durchrast die Messstrecke für den Kilometer in 8,3 Sekunden und erreicht auf Anhieb ein Mittel von 432,7 km/h: endlich der ersehnte Erfolg für Mercedes - neuer Rekord!

Danach tritt die Auto Union an. Rosemeyer gratuliert seinem Rivalen und sagt: "Jetzt bin ich dran." Inzwischen ist leichter Wind aufgekommen, und man will den Wagen zunächst ohne die Schulterwülste testen. Aber der Fahrer besteht darauf, dass sie wieder angeschraubt werden. Er wolle nicht oftmals fahren, sondern sich sofort mit der schnellsten Wagenform vertraut machen. Zunächst befährt er die Strecke zum Aufwärmen des Motors in Nord-Süd-Richtung. Auf der Rückfahrt erreicht Rose-meyer 429,9 km/h, geht also schon ans Limit. Trotzdem beklagt er sich, der Motor sei nicht auf die gewünschte Drehzahl gekommen. Inzwischen ist der Wind noch stärker geworden, ab und zu knattert die Plane des Werkstattzelts. Als man dem Fahrer nahelegt, auf einen weiteren Versuch zu verzichten, antwortet er: "Ich weiß doch, wenn es nicht geht. Ich will mich nur noch einmal herantasten."

Er hätte gewarnt sein können. Bei einer Rekordfahrt im Juni war er zweimal mit den Rädern auf den Grünstreifen gekommen und konnte den Wagen nur mit Vollgas zurück auf die Fahrbahn zwingen. Zu seiner Frau hatte er gesagt: "Da hab' ich ganz schön zaubern müssen." Der Wagen wird also wieder angeschoben, entschwindet in Richtung Süden. Nach kaum einer Minute kommt die Telefonmeldung eines Streckenpostens: "Der Wagen ist verunglückt!" Am Ende der Ein-Kilometer-Messstrecke, wo der Winddruck durch eine Waldschneise verstärkt wird, ist der Wagen nach links auf den Mittelstreifen geraten. Rosemeyer rast auf einen Brückenpfeiler zu, versucht zu bremsen und gegenzusteuern, aber der Wagen lässt sich nicht mehr beherrschen. Er stellt sich quer, überschlägt sich, wird in die Luft geschleudert, streift Bäume, prallt wieder auf den Boden, fliegt 200 Meter weit. Die Karosserie wird abgerissen, das Wrack kracht auf die Brückenböschung.

" Es sah aus, als schliefe er"

Man findet Rosemeyer im Wald, ohne erkennbare äußere Verletzungen. Ein Augenzeuge sagt: "Es sah aus, als ob er schlafen würde." Der Tod des jungen Rennidols ist ein Schock für die Nation; Teile der Presse deuten den Unfall gar zum Heldentod um und titeln: "Rosemeyer fiel im Kampf für sein Vaterland." Aus heutiger Sicht fällt die Interpretation des Geschehens nüchterner aus: Es war ein nicht zu verantwortendes Risiko, ein unzureichend erprobtes Fahrzeug bei diesen äußeren Bedingungen starten zu lassen.

Heute fließt am Unglücksort der Verkehr der Autobahn A 5. Südlich der heutigen Überführung Langen-Mörfelden wurde kurz nach Rosemeyers Tod ein Gedenkstein errichtet, wo auch heute noch gelegentlich Blumen abgelegt werden. Im Grab des Rennfahrers auf dem Friedhof in Berlin-Dahlem ist erst vor wenigen Wochen Elly Beinhorn, die hundert Jahre alt wurde, zur letzten Ruhe gebettet worden.
 

SoAk

31.12.2007 - aktualisiert: 31.12.2007 12:23 Uhr