Der Erfolgsflitzer erlebt eine Renaissance
Stuttgart - Mit den Modellbezeichnungen bei Volkswagen verhält es sich ähnlich wie mit den Jahresringen eines Baumes: Wer sie anschaut, kann in etwa schätzen, in welches Jahrzehnt die Blütezeit des jeweiligen Autos fällt.
Kunstworte wie Touran oder Eos kennzeichnen das neue Jahrtausend. Simple Zahlenreihen wie 1200, 1600 oder 1302 zieren Volkswagen von der Frühzeit bis zum Anfang der 70er Jahre - der Kosename Käfer wurde eher unwillig übernommen. In den 70er Jahren kamen dann Namen auf, die bis heute einen besonderen Klang haben: Mit dem Golf debütierte eine Ausnahmeerscheinung der Autowelt, und mit dem Namen eines Wüstenwindes kam ein Auto auf die Straßen, das schnell zu einer Sportwagenlegende wurde. Bis heute ist das Image des Namens Scirocco so gut, dass Volkswagen gerade eine Neuauflage präsentiert.
Ein neuer Scirocco - darauf haben nicht nur Anhänger des Urmodells lange gewartet. Denn auf echte Sportlichkeit musste beim Kauf eines Volkswagens viele Jahre verzichtet werden. Zwar gibt es nach wie vor eine GTI-Version des Golf mit reichlich Pferdestärken - doch ein sportliches Auto mit ebenso sportlicher Coupé-Karosserie glänzt im Volkswagen-Programm seit der Einstellung des Corrado im Jahr 1995 mit Abwesenheit. Auch das aktuelle Eos Coupé-Cabrio steht eher für gepflegte Fortbewegung als für flotten Fahrstil.
Dieser Mangel an Emotionalität stellt wiederum eine Parallele zu jener Zeit dar, in der Volkswagen einst den ersten Scirocco ins Rampenlicht stellte. 1974 war das - und die Marke VW hatte damals einiges von ihrer einstigen Strahlkraft eingebüßt. Viel zu lange hatten die Konzernherren an der vollkommen veralteten Heckmotortechnik mit Luftkühlung festgehalten, die neben dem Käfer auch alle anderen Modelle der Marke antrieb.
Passat als Wegweiser in die Zukunft
Zwar hatte ein Umdenken bereits eingesetzt, entsprechende Modelle standen jedoch noch nicht für die Kunden bereit. Es war nicht wie oft behauptet der Golf, der den Ursprung dieses Umschwungs darstellte. Vor dem Scirocco konnte bei VW bereits der 1973 erschienene Passat als Wegweiser in die Zukunft gelten. Der Golf sollte seine Premiere erst Mitte 1974 feiern.
Dessen technische Grundzüge wiederum debütierten rund drei Monate früher mit dem Scirocco, der im März des Jahres 1974 auf dem Automobilsalon in Genf erstmals gezeigt wurde - an eben jenem Ort, an dem im Jahr 2008 auch der aktuelle Nachfolger erstmals zu sehen ist. Doch während die Neuauflage eher einer Unternehmensstrategie im Sinne der Imagepolitur folgt, war das Entstehen des ersten Scirocco vor allem dem Zusammentreffen mehrerer glücklicher Umstände zu verdanken.
Selbst wenn es seltsam erscheint, dürfte auch der damals chronische Geldmangel in Wolfsburg ein Grund für die Realisierung des Projektes gewesen sein. Auf der anderen Seite gab es da noch das Unternehmen Karmann in Osnabrück, das mit dem Bau des Karmann Ghia und des Käfer Cabrio in der Vergangenheit gutes Geld verdient hatte - und das nun befürchtete, dass der als technische Basis so wichtige Käfer wegen des geplanten Golf bald nicht mehr vom Band laufen würde. Man brauchte also ein neues Projekt, einen Nachfolger.
Der dritte wichtige Baustein war der italienische Designer Giorgio Giugiaro. Der hatte den Auftrag, die Formen des Golf auszuarbeiten - und kam irgendwann auf die Idee, dass sich auf dessen Grundgerüst doch auch ein schickes Sportcoupé entwickeln ließe.
Freude bei Karmann
Ob die Manager bei Volkswagen von der Idee grundsätzlich angetan waren, ist nicht überliefert - abgesehen davon hatten sie aber nicht genügend Geld, oder sie wollten es nicht in ein Risiko-Unternehmen wie die Entwicklung eines Coupés stecken, dessen Erfolgsaussichten unbekannt waren. Zur Freude der Scirocco-Anhänger kam es jedoch zum Kontakt zwischen Karmann und Giugiaro. Hier waren die Interessen ziemlich deckungsgleich: Giugiaro wollte seinen Coupé-Entwurf natürlich gern auf der Straße sehen - bei Karmann sah man in genau diesem Entwurf den idealen Nachfolger für den Karmann Ghia.
Trotzdem waren noch einige Hürden zu überwinden: VW weigerte sich weiterhin, das Projekt zu finanzieren. Der vergleichsweise kleine Hersteller Karmann war gezwungen, die notwendigen Investitionen für den Bau des Autos selbst zu übernehmen. Nach intensiver Rechenarbeit einigte man sich dann auf ein Finanzmodell, bei dem die von Karmann ausgelegten Kosten auf jedes einzelne gebaute Auto umgelegt wurden, das dann schließlich als echter Volkswagen zu den Händlern rollte.
Bald schon sollte sich zeigen, dass der Mut sich gelohnt hatte. Das Design des Scirocco wirkte seinerzeit auch im Vergleich zu den direkten Konkurrenten Opel Manta und Ford Capri überaus modern. Mit seinen betont kantigen Formen und der keilförmigen Seitenlinie stand der sportliche Volkswagen auch als ein Symbol für eine neue Zeit da.
Mit allen Regeln des Autobaus der 70er Jahre hatte der Scirocco allerdings nicht gebrochen. Damals war es durchaus üblich, dass zu einem sportlichen Design nicht unbedingt die entsprechenden Fahrleistungen gehören mussten. Und so gab es den Scirocco auch mit Motoren, die eher für den gemütlichen Sonntagsausflug als für das schnelle Umrunden von Kurven gedacht waren: Im Basismodell werkelte ein Vierzylinder mit 1,1 Liter Hubraum und gerade einmal 37 kW/50 PS. Wer mehr Geld ausgeben wollte, konnte auch 1,5 Liter Hubraum mit 51 kW/70 PS oder 63 kW/85 PS ordern.
Sportlicher Scirocco mit Verspätung
Auf einen wirklich sportlichen Scirocco musste dagegen noch eine Weile gewartet werden. Erst von 1976 an gab es das Coupé auch mit dem heute legendären Kürzel GTI am Heck. Diese Bezeichnung wies darauf hin, dass unter der Motorhaube des Autos nun ein 1,6-Liter-Motor mit immerhin 81 kW/110 PS arbeitete, der ursprünglich aus dem Audi 80 GTE stammte. Der als Urahn schneller Kompaktautos geltende Golf GTI wurde zwar ebenfalls 1976 vorgestellt - er stand aber erst 1977 in wirklich ausreichender Zahl für die Kundschaft zur Verfügung.
So zeitgemäß der Scirocco zunächst wirkte - auch er kam in die Jahre. Daher machte man sich 1978 daran, die Optik noch einmal aufzufrischen. Trugen frühe Scirocco noch metallisch glänzende Stoßstangen, so kam nun Kunststoff zum Einsatz. Weitere Erkennungsmerkmale sind die größeren und seitlich in den Kotflügel ragenden Blinker an der Front sowie schwarz gefärbte B-Säulen.
Alles in allem wurde der Scriocco zu jenem überragenden Erfolg, von dem die Verantwortlichen anfangs bestenfalls zu träumen wagten: Rund 501.000 Fahrzeuge wurden bis zur Produktionseinstellung im Februar 1981 gebaut. Da ist es nur natürlich, dass man bei Volkswagen und Karmann genau diese Erfolgsgeschichte fortführen wollte. Bereits ab Mitte der 70er Jahre wurde daher an einem Nachfolger gearbeitet. Dessen Styling stammte jedoch nicht mehr aus der Hand von Giugiaro, sondern aus der internen Designabteilung des Hauses Volkswagen.
Wirklich geschadet hat das dem Scirocco der zweiten Generation nicht. Auch er wirkte sportlich und hatte seinen eigenen Stil. Trotzdem aber war er nicht mehr das Original - und zudem teurer. Wurde der neue Scirocco anfangs noch ganz ordentlich verkauft, konnte er auf Dauer nicht an alte Erfolge anknüpfen. Von 1981 bis 1993 wurden nur noch rund 291.000 Fahrzeuge gebaut.
Auch die Entscheidung, den nächsten Sportwagen des Hauses nicht mehr Scirocco, sondern Corrado zu nennen, brachte keinen Umschwung. Mit mehr Leistung und mehr Luxus bewegte sich das 1988 eingeführte Modell preislich auf einer anderen Ebene - und wurde 1995 nach 97.500 gebauten Exemplaren eingestellt.
Scirocco - Wolfsburg im Zeichen der Winde
In den frühen 70er Jahren griff Volkswagen bei Modellbezeichnungen gern auf die Natur zurück - vor allem auf Winde. Schon der Name Passat bezieht sich auf einen Wind. Der Scirocco wiederum ist ein heißer Wüstenwind, der aus der Sahara in Richtung Mittelmeer weht. Allerdings hatte Volkswagen nicht als einziger Hersteller derart windige Ideen: In Nordafrika heißt dieser Wind auch Ghibli oder Khamsin - beide Bezeichnung zierten schon Sportwagen von Maserati. Das zu Beginn der 70er Jahre geplante Kompaktmodell von Volkswagen sollte Überlieferungen zufolge übrigens zunächst Blizzard heißen - allerdings war dieser Name bereits geschützt, man nannte das Auto daher Golf.
dpa
04.03.2008 - aktualisiert: 05.03.2008 14:13 Uhr