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Knusperfortschritt

Haferflocken via Internet

Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz, Österreich, geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin.
Begleitet seit über 20 Jahren als Schriftsteller und Mitglied des Chaos Computer Clubs die
Entwicklung der digitalen Welt.

Glasers Netzkolumne - aus der STZ vom 07.05.2008
 

In den Vereinigten Staaten begann das Zeitalter der Massenwerbung, als 1877 eine neue Haferflockenfabrik ihren Betrieb aufnahm: die Quaker Mill in Ravenna im Bundesstaat Ohio. Rohes Getreide kam auf der einen Seite in die Fabrik und auf der anderen Seite kamen Haferflocken in Schachteln heraus. Die Fabrik stellte zweimal so viel Haferflocken her, als der Markt erforderte, denn die meisten Amerikaner hielten Haferflocken damals für Pferdefutter. Der Fabrikbesitzer Henry P. Crowell hatte die Idee zu einer landesweiten Werbekampagne für ein Produkt, das direkt an die Haushalte vertrieben wurde. Er entwarf eine Schachtel, die man - anders als die üblichen Vorratspackungen - bequem in der Küche benutzen konnte, ließ einen Quäker mit einem schwarzen Hut draufdrucken, und eine Marke war geboren.

Sie ist gleichermaßen beständig wie anpassungsfähig und hat ein paarmal auf interessante Weise die Technikgeschichte touchiert. 1965 brachte Quaker Oats die Knusperflocke "Quisp" auf den Markt, zeitgemäß in UFO-Form ("vom Planeten Q") und mit einem irre schielenden "propeller head", dem Urbild des Nerds, auf der Packung. Zugleich brachten sie "Quake" heraus: 1970 trat der muskelbepackte Minenarbeiter Quake in Cartoon-Werbespots gegen das Frohsinns-Alien Quisp an.

Die Firma wollte wissen, welche der beiden Marken populärer war. Während in den siebziger Jahren die PC-Revolution begann, verschwand auch Quisp aus den Supermärkten. Mitte der achtziger Jahre wurde es neu aufgelegt, später als "die erste Internet-Cerealie" neu beworben und fristet heute, sofern man bei einer Frühstücksflocke davon sprechen kann, ein Dasein als "limited edition".

Mitten ins Herz der neuesten Technik führte ein anderes Quaker-Oats-Produkt: Die 1963 eingeführten Knusperdinger namens "Cap'n Crunch". Zum einen wurde das Zuckerzeug zu einem der erfolgreichsten Kinderfrühstücksfavoriten aller Zeiten. Zum anderen erzählte fünf Jahre später ein blinder 19-jähriger Junge namens Joe Engressia (der später den Namen Joybubbles annahm) seinem Freund John Draper (der später den Namen Captain Crunch annahm) von einem Trillerpfeifchen, das damals als Werbegeschenk in den Cap'n-Crunch-Packungen zu finden war - und dass man damit Pfiffe mit einer Frequenz von 2600 Hertz produzieren konnte. Mit einem Ton dieser Frequenz signalisierte die damalige Telefontechnik dem System, dass der Teilnehmer aufgelegt hatte und der Gebührenzähler abgeschaltet werden konnte. Wer die 2600 Hertz bei abgehobenem Hörer in die Muschel pfiff, konnte umsonst weitertelefonieren, da die Sprechverbindung weiterhin aufrechterhalten wurde. Der Freak, die Protoform des nachmaligen Hackers, war geboren.

Der Knusperfortschritt ist nicht aufzuhalten. Scherzkekse haben die robuste Cerealienmarke inzwischen zwangsweise ins Web-2.0-Zeitalter befördert und "Quakr 2.0 Oats" konzipiert, einschließlich stilsicher verrundlichtem Mitmachweb-Logo. Und letztes Jahr war die britische Werbeagentur Johnson Banks eingeladen worden, für die neuen Medien eine neue Typografie für Quaker Oats zu erstellen - aus Kornkreisen.

E-Mail an den Autor: p.glaser@stz.zgs.de
 

Peter Glaser

08.05.2008 - aktualisiert: 08.05.2008 16:08 Uhr

 



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