Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 23.12.2008
Buddenbrooks
Die heilige Familie
Was bleibt? Das fette Muttermal auf Bendix Grünlichs Wange, dazu der goldgelbe Backenbart, das talgige Gesicht. Der ulkige Gamsbarthut von Alois Permaneder, die widerspenstigen Locken der Gerda Buddenbrook. Alles sieht sehr so aus, wie man es in den Erzählerkommentaren in Thomas Manns Roman "Buddenbooks" nachlesen kann.
Das ist das Schöne - und das Schwierige an Heinrich Breloers Verfilmung von Thomas Manns Roman. Der Dokumentarfilmer ("Todesspiel", "Die Manns") hält sich in seinem Spielfilm- und Kinodebüt strikt an den Text, an die Beschreibungen der Dinge, alles blinkt und blitzt, tolle Kronleuchter, herrliche Tapeten und Kleider, schöne Menschen. Direkt wie im Kostümmuseum. Breloer ist halt auch ein brennender Fan, er liebt die Buddenbrooks sehr. Die Randfiguren dürfen grimassieren, doch die Familie ist heilig. Bethsy Buddenbrook (eine sehr vornehm den Mund kräuselnde Iris Berben) frömmelt im Alter und treibt mit ihren übergroßen Gaben an die Kirche die Firma an den Rand des Ruins, doch das bleibt außen vor. Toni Buddenbrook, das selbstgefällig plappernde Gänschen, das zuerst den Hochstapler Grünlich heiratet, dann den bayerischen Faulpelz Permaneder, wirkt im Spiel von Jessica Schwarz recht intelligent.
Anders als die bekannte Fassung von 1959 mit Hansjörg Felmy, Lieselotte Pulver und Nadja Tiller, die Thomas Manns Tochter Erika wegen der flachen Figuren gar nicht mochte, psychologisiert Breloer eifrig. Bei Mark Waschkes Thomas Buddenbrook sieht man bei allem patriarchalischen Gehabe, wie er sich quält mit dem Kaufmannsjob. Seine Lungenschwäche, die ihn im Roman plagt, kommt nicht zur Sprache, doch eine gewisse Unlust an allem Tun merkt man ihm halt doch immer wieder an. Und die reiche Gerda, die Thomas heiratet, blinzelt zwar sanft, hat aber eine Härte an sich, dass es einem bei ihrem Blick schon ziemlich kalt wird.
Und doch verliert sich Breloer in seinem Bemühen, allen Figuren feinstmöglich zu charakterisieren. In der Kürze der Zeit (fast tausend Romanseiten in 150 Minuten) gelingt ihm das nicht. So wird jede Gefühlsregung mit Großaufnahmen - Armin Mueller-Stahls ungehalten sich kräuselnde Lippen als Konsul Jean Buddenbrook in gefühlt zwanzig Großaufnahmen - und bedeutungsschwerer Rauschemusik überbetont.
Ausgezeichnet: Fedja von Huet als Aufsteiger
Breloer erstarrt vor der Vorlage, er will den Figuren, anders als der Erzähler, nicht wehtun - Ironie ist passé und was den Roman ausmacht: die vordergründig freundlich belustigte, doch scharfe Analyse einer bourgeoisen Gesellschaft.
Zwei Gründe gibt es aber, den Film zu preisen. Ausgezeichnet besetzt ist Buddenbrook-Kontrahent Hermann Hagenström. Fedja von Huêt (in Stuttgart kennt man ihn aus Johan Simons Theaterinszenierung von Grabbes "Hannibal") spielt den gesellschaftlichen Aufsteiger als einen sehr nachdenklichen, konservativen und unter der Verachtung der feinen Gesellschaft heimlich leidenden Mann, der bei allem Respekt vor der Tradition ein kühler Geschäftsmann ist, der warten kann, bis seine Zeit gekommen ist.
Dafür findet Breloer außerdem Bilder: für die Aufstiegs- und Niedergangsaspekte, die wirtschaftliche Umbruchsituation, die geradezu wie ein Kommentar auf die aktuelle Lage wirkt. Buddenbrook und Hagenström begegnen sich auf der Fahrt zu einem unlauteren, aber lukrativen Geschäft. Blicke treffen sich - Buddenbrook war schneller, Hagenström verbirgt seinen Ärger darüber mit einem freundlichen Lächeln. Am Ende war es eine scheinbare Niederlage. Die Ware wird bei einem Unwetter vernichtet, und wieder verliert Thomas Buddenbrook einen Riesenbatzen Geld. Dies gibt der Pädagoge Breloer dem Zuschauer mit: Nicht immer wird der vom Leben bestraft, der zu spät kommt.
Nicole Golombek
23.12.2008 - aktualisiert: 26.12.2008 15:51 Uhr