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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 22.05.2008

Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels

Wenn alte Helden zurückkommen

Wenn das Abenteuer ruft, zeigen ihm die meisten Menschen die kalte Schulter. Sie kuscheln sich ans Gewohnte und hängen dem weitverbreiten Glauben ans eigene Unvermögen an, durch den schon viele Chancen ungenutzt verstrichen sind. Viel lieber schauen sie unerschrockenen Leinwandhelden dabei zu, wie sie sich kopfüber ins Abenteuer stürzen - Helden wie Indiana Jones.

Produzent George Lucas und Regisseur Steven Spielberg schufen vor rund 30 Jahren den Prototypen des wagemutigen Archäologen, der mit Hut und Peitsche in fremde Welten aufbricht, um geheimnisvolle Artefakte zu finden, Mythen zu entblättern, Schätze zu heben, Bösewichter zu vermöbeln und nebenbei die Welt zu retten. Dabei war "Indy" kein Tausendsassa, sondern einer mit sehr menschlichen Schwächen, der aus dem Bauch heraus handelte, sich durchs Chaos kämpfte und über gesunde Selbstironie verfügte.

19 Jahre nach dem dritten Teil darf Harrison Ford ein viertes Mal als Dr. Jones auf die Leinwand. Ein geheimnisvoller Kristallschädel führt ihn nach Peru und in den Amazonas-Urwald, zu den mysteriösen Nazcar-Linien, die Außerirdische angelegt haben sollen, und dahin, wo die Goldene Stadt vermutet wird und riesige Ameisen jeden Eindringling verschlingen. Unterwegs trifft Jones seine alte Flamme Marion Ravenwood (Karen Allen) wieder, die ihm schon in "Jäger des verlorenen Schatzes" (1981) zur Seite stand, und weil wir inzwischen die 50er Jahre schreiben, bekommt er es statt mit Nazis mit KGB-Schergen zu tun, kommandiert von der schneidigen Irina Spalko (Cate Blanchett).

Niemand wird je wieder so einen Film drehen

Spielberg und Lucas haben auf 35-Milimeter-Film gedreht und auch sonst alles gemacht wie damals: Sie haben Sets gebaut, Stuntmen engagiert, so viel wie möglich live inszeniert. Da wird verfolgt, gesprungen, geschlagen, geschossen, da geht es in Steinverliese voller Spinnweben, im kleinen Boot über Wasserfälle und mit dem Motorrad durch die Universitätsbibliothek. Spielberg und Lucas huldigen dem Abenteuerkino der 1980er Jahre, das sie selbst erfunden haben und das sie nun feierlich verabschieden - eine Selbsthommage. Niemand wird je wieder einen so großen Film mit so viel Aufwand drehen, denn heute kann all das weit günstiger im Computer gemacht werden.

Nicht nur der Look ist von gestern, sondern auch die Geschichte und das Erzähltempo. Die Schnitzeljagd nach dem verlorenen Schatz geht bedächtig vonstatten, sie ist gespickt mit Selbstzitaten (Jones' Schlangenphobie) und typischen Spielberg-Gags: Indys halbstarker Helfer Mutt (Shia LaBeouf) steht fechtend zwischen zwei fahrenden Jeeps, und die vorüberziehende Vegetation schlägt ihm zwischen die Beine. Die Indy-Reihe war schon immer bestes Popcorn-Kino, bei dem der Inhalt nie eine große Rolle spielte, nun entpuppt sie sich auch als Spiegel der 1980er Jahre, eines im Rückblick ausgesprochen sorglosen Jahrzehnts.

Wenn alte Helden zurückkommen, fühlt es sich bestenfalls an, als wären sie aus der Zeit gefallen, wie Bruce Willis in "Die Hard 4.0". Er ist als Haudegen alter Schule verloren in einer virtualisierten Welt, bringt aber selten gewordene Qualitäten mit, die ihm Vorteile verschaffen. Bei "Indiana Jones" wirkt der ganze Film, als sei er aus der Zeit gefallen. Harrison Ford findet mühelos in seine Paraderolle, grinst herrlich schief, schlägt sich auch mit 67 achtbar und zeigt kaum Anflüge körperlicher Überforderung - doch sein Held ist stehengeblieben in einer Zeit, als die Auseinandersetzung zwischen Filmfiguren kaum über Geplänkel hinausging; selbst James Bond erlaubt heute tiefere Blicke in seine Seele, seit ihn "Casino Royale" mit Wucht in die cineastische Gegenwart katapultiert hat.

Das Zeitkolorit der 50er Jahre bleibt Dekoration

Sogar das beiläufig angerissene Zeitkolorit bleibt in "Indiana Jones 4" reine Dekoration: Rock'n'Roll, Harley-Davidson, Mutts Marlon-Brando-Jacke - aber auch Reminiszenzen an Atombombenversuche in der Wüste von Nevada und an die absurde Kommunistenhatz der McCarthy-Ära, in der es wirklich jeden treffen konnte: Ausgerechnet der treue US-Amerikaner Henry Jones wird als Professor suspendiert, weil die Sowjets ihn entführten und mit seiner Hilfe etwas aus exakt jenem riesigen Depot entwendet haben, in dem am Ende des ersten Teils die unselige Bundeslade endgelagert wurde.

"Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels" ist Unterhaltungskino fürs Museum. Der Film hätte exakt so Ende der 80er erscheinen können, er fügt sich nahtlos in seine Reihe ein, anders als die stark von digitaler Technik geprägten späteren "Star Wars"-Episoden. Das wird vielen gefallen, die damals jung waren und auch heute noch gerne unerschrockenen Helden dabei zuschauen, wie sie sich kopfüber ins Abenteuer stürzen. Jüngere Zuschauer dagegen werden staunen, wie langsam das Medium Film früher war - und wie sorglos die Zeiten.
 

Bernd Haasis

22.05.2008 - aktualisiert: 22.05.2008 14:04 Uhr

 


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