Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz, Österreich, geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin.
Begleitet seit über 20 Jahren als Schriftsteller und Mitglied des Chaos Computer Clubs die
Entwicklung der digitalen Welt.
Glasers Netzkolumne - aus der STZ vom 21.05.2008
Im Internetzeitalter werden Informationen immer nachgiebiger und geben scheinbar widersprüchlichen Bedürfnissen statt. Bereits der Urahn der toleranten analogen Dinge, der legendäre Montagekleber "Fixogum", klebte Papier unverrückbar fest. Bei Bedarf konnte man es aber auch spurlos und ohne Gefrickel wieder ablösen.
Farbige Tätowierungen, die einige Tage lang selbst Seife und Schweiß widerstehen, lassen sich auf der Haut anbringen, "Auf ewig Dein" - bis übermorgen. Schreibprogramme gestatten es, nach Herzenslust herumzuschmieren und einen Text dennoch stets im Zustand der scheinbaren Reinschrift vor sich zu haben. Die modernen virtuellen Dinge geben immer stärker dem launischen Wandel des menschlichen Wollens nach. Digitale Dinge versprechen die Strapazierbarkeit von Realitäten bis zum Paradox. Dinge, die verzeihen. Undo forever. Die Dinge, so der stille Wunsch, sollen sich wie Katzen sachte an uns reiben. Sie sollen eine Witterung hinterlassen, ein kleines Behagen.
Den Unterschied zwischen Information und Unterhaltung machte bisher aus, dass Unterhaltung folgenlose Information war. Inzwischen wandelt sich aber von Information ausgelöster Tatendrang mehr und mehr in Datendrang. Zwar sind wir, im Gegensatz zu den Gehirnen der TV-Ära, als Netzmenschen inzwischen interaktiv geworden. Ein Großteil dieser Aktivität aber bleibt in bester TV-Tradition konsumistisch: klicken, gucken, saugen. Die hypermedial herangeschaffte Realität fühlt sich an wie ein Frühlingslüftchen und purrt ein bisschen: Katzencontent total. Das folgenlose Herumplätschern in den Wissens-, Nachrichten- und Unterhaltungsströmen des Netzdatenozeans ist zu einer Grundstimmung geworden.
Das Ganze erinnert an die Avantgardeliteratur der sechziger Jahre, als das Experimentieren zum Selbstzweck verkam. Ein Experiment misslingt entweder, dann kann man ein neues versuchen, oder aber es gelingt und ist fortan kein Experiment mehr. Da das ergebnisoffene Herumprobieren aber zum zentralen Betriebsmodus ausgerufen wurde, stellte sich im Fall der Experimentalliteratur in den siebziger Jahren eine Dekadenz ein. Heute mehren sich die Zeichen einer Informationsdekadenz. Information wird die Welt retten, lautete die Vision der neunziger Jahre. Wo stehen wir heute? Noch sind nicht ganz so viele Menschen wie im Mittelalter wieder davon überzeugt, dass sich die Sonne um die Erde dreht, aber es wird daran gearbeitet. Die Globalisierung der Dummheit macht erstaunliche Fortschritte. Begriffe wie "lebenslanges Lernen" sagen uns zudem, dass Wissen und Erfahrung immer schneller von Entwertung bedroht sind.
Google lässt ganze Bibliotheken einscannen, um ein hübsches Werbeumfeld für seine Anzeigen zu haben. Wissen mit einem Klick? Natürlich ist nichts gegen einfachen Zugang zu Information einzuwenden. Aber allzu leichter Gewinn verdirbt die Freude am Spiel. William James sagte einmal, wenn das einzige Ziel des Fußballspiels darin bestünde, den Ball ins Tor zu bringen, wäre die einfachste Art zu gewinnen, den Ball nachts heimlich dorthin zu tragen. Wissen beruht auf Anstrengung, Interesse und aktiver Teilnahme.