Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 29.05.2008
Things We Lost in the Fire
Viel Raum für Kollisionen
Als ihr geliebter Ehemann Brian stirbt, fällt Audrey (Halle Berry) in einen Schockzustand. Um ihrer Kinder Willen bemüht sie sich geschäftig, möglichst schnell wieder so etwas wie Normalität herzustellen. Zur Trauerfeier kommt auch Brians ältester Freund Jerry Sunborne (Benicio Del Toro), ein Heroinabhängiger, zu dem Audrey nun ein ganz neues Verhältnis entwickelt - sie nimmt ihn zum Zwecke der beiderseitigen Heilung sogar in ihr Haus auf.
Halle Berry glänzt als verwöhnte Luxusfrau, die ihre Gefühle einfriert und plötzlich vor völlig neuen Herausforderungen steht - vergeblich hantiert sie mit dem Schraubenzieher an einer kaputten Steckdose und im Umgang mit ihren Kindern liegen ihre Nerven bald blank. Eine tickende Zeitbombe wie De Toros Jerry, der seinen massigen Körper nur mit Mühe durch eine vernebelte Welt wuchtet, solange ihn die Droge ausbremst. Im geschützten Raum entpuppt er sich bald als Seele von Mensch, die, einmal freigelassen, magische Leichtigkeit verströmt.
Der Raum für Kollisionen zwischen diesen beiden ist groß: Weil sie alleine nicht einschlafen kann, nötigt Audrey den ihr zu Dank verpflichteten Jerry, sich als Anschmiegekissen und Ehemann-Ersatz zur Verfügung zu stellen - doch die extreme Nähe dieser für ihn eigentlich unerreichbaren Frau irritiert ihn zutiefst. Er ist einer, der in der Welt der Erwachsenen nicht zurechtkommt, in der der Kinder dafür umso besser: Er versteht, wieso Sohn Dory im Schwimmbad den Kopf nicht unter Wasser tauchen möchte, und kennt kleine Geheimnisse, die der Vater mit seiner Tochter Harper teilte. Audrey fühlt sich brüskiert - und reagiert eifersüchtig.
Um die beiden Oscar-Preisträger mit ihren ausgeprägten Persönlichkeiten findet sich ein loses Ensemble denkbar unterschiedlicher Nebenfiguren, Brians Jogging-Kumpel, Audreys Bruder, Jerrys Freundin aus der Therapiegruppe. Die dänische Regisseurin Susanne Bier ("Nach der Hochzeit") beweist in ihrem Hollywood-Debüt Fingerspitzengefühl und ist nur selten dem amerikanischen Familienfilm-Pathos erlegen, etwa bei einem allzu plakativen Ausflug in die Drogenslums.
Bernd Haasis
29.05.2008 - aktualisiert: 29.05.2008 10:07 Uhr