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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 29.05.2008

Funny Games U. S.

Gewalt braucht keine Bedingungen

Ein Film über Gewalt muss dort gezeigt werden, wo solche herrscht. Der österreichische Regisseur Michael Haneke hat nie verwunden, dass er mit "Funny Games" 1997 die USA nicht erreicht hat - aus seiner Sicht eines der Mutterländer der Gewalt, in dem aber kaum fremdländische Filme geschaut werden. Darum hat er nun denselben Film noch einmal gedreht, Szene für Szene, in den USA und mit großen Namen.

Zwei smarte junge Männer quälen da aus reiner Lust am Spiel Familien in deren Ferienhäusern und bringen sie schließlich um. Dabei wirken die Peiniger höflich und adrett und gehen problemlos als perfekte Schwiegersöhne durch.

Arno Frisch und Frank Giering erfüllten diese Rollen im Original mit erschreckender Selbstverständlichekit, Susanne Lothar und Ulrich Mühe machten als Opfer alle Stadien psychischer und physischer Gewalt schmerzhaft nachfühlbar. Dem war nichts hinzuzufügen, und so blieb Haneke und seiner neuen Star-Besetzung nur, das Niveau zu halten. Das ist gelungen: Hochdramatisch etwa, wie Naomi Watts, bespritzt vom Blut ihres gerade ermordeten Sohnes, minutenlang mit ihren Fesseln kämpft.

Geholfen freilich hat es nichts: Auch diesmal haben die Amerikaner die Kinos gemieden. Allzu akademisch ist Hanekes Kommentar zu gewalttätigen Medieninhalten und deren kritiklosem Konsum. Makellos inszeniert, widersteht er dem Zuschauer trotzdem derart, dass von Unterhaltung keine Rede sein kann - diese aber hätte Haneke zulassen müssen, zumindest in kleinen Dosen und als Instrument erkennbar, hätte er ein größeres Publikum erreichen wollen.

Stanley Kubrick hat das in "Uhrwerk Orange" (1971) getan und Oliver Stone in "Natural Born Killers" (1994), hier freilich mit dem Makel der allzu starken Heroisierung. Und in "No Country for Old Men" (2007) haben die Coen Brothers die fatale US-Gewalt-Tradition erst unlängst auf hohem Niveau durchdrungen, ganz legitim in einen spannenden Thriller gekleidet. Demgegenüber wirkt Hanekes Film wie die puristische intellektuelle Fingerübung eines europäischen Künstlers, der die Amerikaner belehren möchte. Zart besaitete Menschen sollten "Funny Games" meiden; Pädagogen können lernen, dass Gewalt keine Bedingungen braucht.
 

Bernd Haasis

29.05.2008 - aktualisiert: 29.05.2008 10:50 Uhr

 


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