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Leitartikel

Rundum gläsern

Was ist uns der Datenschutz eigentlich noch wert? Ein paar Beauftragte in Bund und Ländern mit überschaubaren Kompetenzen, jährliche Berichte über Verstöße und Fehlentwicklungen, mehr oder weniger überzeugende Warnungen vor Übergriffen und Missbrauch.


  Von Wolfgang Molitor

 
Datenschutz hat in Zeiten, in denen immer mehr Menschen ihr Privatleben freudig und freiwillig einer breiten Öffentlichkeit unter die Nase reiben, keine große politische Konjunktur. Da muss man fast dankbar sein, dass der Abhörskandal der Telekom oder die Bespitzelungsaffäre bei Lidl dieses heikle Thema wieder auf die Berliner Tagesordnung gesetzt hat.

 
 


Denn hat nicht vor allem der Staat ganz legal alles darangesetzt, sich auch privateste Daten zu besorgen, zu sammeln und auszuwerten? Und damit die Hemmschwelle für illegale Aktionen gesenkt? Beteuern Innen- und Justizminister nicht stets aufs Neue, noch mehr Datenerhebungen bedrohten keineswegs Bürgerrechte, sondern stärkten die Sicherheit? Wird nicht behauptet, die gesammelten Datenerkenntnisse seien beim Staat gut aufgehoben? Kein Wunder, dass der staatliche Hunger auf BürgerdatenJahr für Jahr wächst. Telefonüberwachungen nehmen zu. Wer im Internet sucht, kann selbst durchsucht werden. Auch das Bankgeheimnis verdient den Namen nicht mehr; millionenfach wird auf die Stammdaten der Banken und Sparkassen zugegriffen. Die Bürger werden rundum gläsern, und es trifft fast alle: Bankkunden, Steuerzahler, Computernutzer. Wer telefoniert, zum Arzt geht, ins Flugzeug steigtund – wenn’s nicht nach dem Urteil von Gerichten, sondern nach dem Willen des Bundesinnenministers ginge – mit seinem Wagen über die Autobahn fährt: Jeder ist eine Datenfundgrube.

Wenn aber die Politik den Telekom-Skandal zu Recht scharf verurteilt, wenn der Bundesinnenminister Telekom-Chef René Obermann zum Rapport einbestellt, dann muss sich Wolfgang Schäuble auch fragen lassen, was sein eigener Kurs dazu beigetragen hat, wenn in diesem Land die fatale Einschätzung wächst: Persönliche Daten sind nicht mehr viel wert. Wenn sich der Eindruck vertieft, dass sie vor allem da sind, um sie zu benutzen, statt zu schützen. Und wenn die Resignation zunimmt, den technischen Kniffen der Abhörer und Bespitzler hilf- und ahnungslos ausgeliefert zu sein. Wie sonst ist die stumme Lethargie all jener USA-Flugpassagiere zu verstehen, deren intime Daten demnächst vor der Einreise an die US-Behörden mitverschickt und bis zu 13 Jahre gespeichert werden – von der sexuellen Orientierung bis zur Gewerkschaftsnummer. FDP-Chef Guido Westerwelle hat es auf dem Bundesparteitag in München treffend formuliert: "Mindestens so schlimm wie die Tatsache des Abbaus der Bürgerrechte ist der zu geringe Widerstand der Bürgergesellschaft dagegen."

In der Tat: Wer Daten schützen will, bekommt immer öfter abwehrend wie beruhigend zu hören, dass schließlich der nichts befürchten müsse, der nichts zu verbergen habe. Das ist der Schlüsselsatz, und man kann ihm spontan durchaus folgen. Aber das ist eben nur die eine Seite der Daten-Medaille – wie die zum Teil kriminellen Auswüchse und Übergriffe bei der Telekom und manchen Discountern auf der anderen zeigen. Wer Bürgerrechte verteidigt, formuliert vor dem selben Hintergrund eine andere Frage: Warum soll der Staat gerade den, der nichts zu verbergen hat, vorsorglich wie einen Kriminellen unter Generalverdacht stellen dürfen?

Reden wir also im Aktionsfieber nicht nur von schnellen Gesetzänderungen. Schließen wir auch nicht voreilig vom Fehlverhalten Einzelner auf das Denken und Handeln ganzer Branchen. Aber seien wir sensibler und kritischer, wenn der Bundesinnenminister behauptet, der Zugriff auf unsere Daten sei so nötig wie harmlos. Der Fall Telekom zeigt: Der übereifrige Staat macht privaten Nachahmern jenseits der Legalität Appetit.
 

02.06.2008 - aktualisiert: 02.06.2008 19:17 Uhr

 


Lesermeinungen
03.06.2008 13:14
Autor: peter susdorf

Was regen wir uns auf,abgehört und bespitzelt wird in diesem Land schon immer.Das hat Wallraff in seinen Recherchen schon vor langer Zeit publiziert. Auch Menschen die Mißstände in ihren Betrieben oder Behörden offen anprangerten wurden schon früher bespitzelt,abgehört und gemobbt. das fängt schon oft bei einem kleinen Geschäftsfüher an,der meint über Recht und Gesetz stehen zu dürfen(Name gelöscht - die Redaktion) an.Er wird natürlich nicht der einzige sein der so etwas praktiziert hat.Langsam aber sicher stellt sich raus ,daß diese Machenschaften in Wirtschaft und Politik scheinbar ganz selbstverständlich ist. Denn wenn der Staat ...ich zitiere hier mal Wolfgang Molitor..Zitat:Warum soll der Staat gerade den,der nichts zu verbergen hat,vorsorglich wie einen Kriminellen unter Generalverdacht stellen dürfen? Zitat Ende .Mein Endruck zu dieser Sache.Diese Frage deckt sich eigentlich mit den Machenschaften dieses oben genannten Geshäftsführes der unbescholtene Mitarbeiter verfolgte und kriminalisieren wollte um gleichzeitig kriminelle Elemente zu schützen.Vieleicht gehören zu den ,,unbscholtenen´´ Bürgern die nichts zu verbergen haben und nichts weiter als die Wahrheit sagen und schreiben die Journalisten.Hat man nicht schon versucht diese wegen ihrer Enthüllungen zu kriminalisieren? Also liebe unbescholtene Journalisten ....wer die Wahrheit sagt kann bespitzelt werden.So ist das in diesem unserem Lande. PeterSusdorf 3.juni 2008

 

02.06.2008 21:05
Autor: Detlef von Seggern

Machen wir uns nichts vor.
Das Privatleben eines "jeden" Menschen, ist alles andere als privat! Von den Wirtschaftsbereichen abgesehen, welche sowieso ein "Bewegungsprofil" eines fast jeden Kunden erstellen!
Konzerne , überprüfen ihre Mitarbeiter, in unserer hochtechnitisierten Zeit, ob legal oder illegal, sei dahingestellt.
In "fast" allen Städten dieser Republik, sind Kameras installiert, welchen jeden Schritt des Bürgers "überwachen".
Die neue "Gesundheitskarte" solll kommen,
worauf "sämtliche" Krankheiten (für jeden einsehbar) gespeichert sind!
Das BKA soll Befugnisse erhalten, in Verdachtsfällen (wie diese auch immer aussehen mögen) in Wohnungen einzudringen, um dort Wanzen zu installieren! Von "Trojanern" ganz zu schweigen, welche Bundesweit "bestimmt" schon ihre Runde machen?
Nicht zui vergessen, die Tätigkeiten amerikanischer Dienste,welche die "gesammte" Kommunikation
dieser Republik überwachen! Und, und, und. Hier kann man nur sagen:
Big Brother, läßt grüßen!


 

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