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Technologie

Abschaffung des Aus

Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz, Österreich, geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin.
Begleitet seit über 20 Jahren als Schriftsteller und Mitglied des Chaos Computer Clubs die
Entwicklung der digitalen Welt.

Glasers Netzkolumne - aus der STZ vom 04.06.2008
 

Eigentlich war es nur eine kleine Meldung über neue Displays für Geschäftskunden, die der Computerhersteller Acer auf den Markt bringt. In einem unscheinbaren Hinweis jedoch schlummert Brisanz: "Ihr Netzschalter trennt die Displays vollständig vom Netz, um Strom zu sparen."

Ich stelle mir eine nicht allzu fern liegende Zukunft vor, in der ein kleiner Junge, der mit seinen Eltern auf einer Mondstation lebt, in sein Tagebuch schreibt: "Vati arbeitet in der Wasserfabrik Apollunaris I. Er sagt, Wasser auf dem Mond sichert Arbeitsplätze. Mutti ist Ausfrau. Seit viele der künstlich-intelligenten Geräte gelernt haben, wie man sich von selbst wieder einschaltet, nachdem ein Mensch sie ausgeschaltet hat, gibt es den Beruf des Ausmanns und der Ausfrau. Die Ausfrau achtet darauf, dass alle Geräte, die aus sein sollen, auch aus bleiben. ,Kann doch nicht angehn!" sagt Mutti, wenn sie wieder ein annes Gerät findet, und aust es. Manchmal sagt Vati morgens, ,Hilde, du musst einfach mal abschalten" und lacht, dann ärgert sich Mutti. Vati ist Raucher. Bevor er dann zur Arbeit geht, hat er meist gerade noch Zeit, die kleine Druckflasche mit Pressrauch mitzunehmen, die er sich an den Sauerstofftornister hängt. Die Frischluft in der Station wird von einer Zigarettenfirma gesponsert."

Der Zwang zum Ansein nimmt bereits heute stetig zu. Ich kann meinen Rechner nur noch scheinbar vom Netz nehmen, indem ich "Ausschalten" anklicke. Um ihn richtig auszuschalten, muss ich zu einem kleinen Schalter kriechen oder ganz konkret den Stecker ziehen. Das Standby-Zeitalter glüht uns mit seinen roten LEDs an, rund um uns herum lauert Technologie. Schalt! Mich! Ein! Bald werden wir Maschinen nicht mehr mit einem Ein- und Aus-Knopf zu kaufen bekommen, sondern nur noch mit einer Reißleine, die zum Start gezogen wird, dann läuft der Apparat bis in alle Ewigkeit. Auch ins Netz wählt man sich längst nicht mehr ein und braucht sich auch nicht mehr auszuloggen.

Ich bin der Auffassung, dass der Ausschaltknopf als ein bedeutendes Menschenrecht gewahrt bleiben muss. Wie sehr uns dieser Knopf bereits ausgetrieben worden ist, zeigt beispielhaft das Mobiltelefon. Zwar verfügt es noch über einen regulären Ausschaltknopf. Aber die psychische Belastung, die das Ausschalten mit sich bringt angesichts der Möglichkeiten, was man alles versäumen könnte, ist immens. Das Nichtrangehen zu lernen ist so schwierig wie ein Morphiumentzug, denn der Mensch ist ein großes, dummes Gefühlstier. Er hofft. Er hofft, dass Claudia Schiffer ihn anruft und geht ran, aber am anderen Ende ist wieder nur der nervige Uwe, der sich langweilt. Aber hier und da sind sie noch zu beobachten, die Helden, die einfach abschalten. Und manchmal gibt es Sternstunden, in denen die unendliche Ruhe des Weltenraums herabsinkt in all das Geklingel und Gequatsche. Als Alexander Graham Bell, der Erfinder des Telefons, am 1. August 1922 starb, wurde ihm zu Ehren in den USA eine Minute lang der Telefonbetrieb unterbrochen.

E-Mail an den Autor: p.glaser@stz.zgs.de
 

Peter Glaser

04.06.2008 - aktualisiert: 04.06.2008 13:38 Uhr

 



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