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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 05.06.2008

Cassandras Traum

Ein Fall für Woody Allens Papierkorb

Erst wollte der deutsche Verleih Woody Allens dritten London-Film nur auf DVD rausbringen. Dann entschied man anders: ein Fehler - ganz offensichtlich gehört der (Alt-)Meister nämlich inzwischen auch zu jenen "Regisseuren, die ihre Zukunft hinter sich haben". War "Match Point" (wenn auch überschätzt) ein gediegen-ätzendes Stück Sozio-Kino, hatte "Scoop" wenigstens noch Scarlett Johansson als Augenfutter, zieht sich "Cassandra's Dream" nun zäh wie Schlick bei Ebbe. Und den titelgebenden Namen des Boots, das die beiden Brüder im Film kaufen, zu übersetzen - so was kann auch nur einem deutschen Verleih einfallen.

Zwei Brüder also, in London, der eine ist angeblich Automechaniker, will sagen Colin Farrell tut so, bietet aber außer ölverschmierten Händen keinerlei Berufsspezifika, geschweige denn die entsprechende Charakteristik - eine hübsche Fehlbesetzung, womöglich aus merkantilen Gründen? (Der Typ ist angesagt, also nehmen wir ihn? Ach Woody...) Der andere Bruder, Ewan McGregor als windiger Hotelinvestor, ist kaum glaubwürdiger, und der zuverlässige Tom Wilkinson als steinreicher Onkel (mit Deus-ex-Machina-Funktion) spielt seine unlogisch strukturierte Figur sichtlich lustlos runter, fast auf Autopilot.

Der Plot von Schuld und Paranoia wirkt wie auf dem Bierdeckel skizziert: Die Brüder haben sich verzockt, der Onkel hilft aus, allerdings gegen einen Gefallen. Sie werden seinen Geschäftspartner, der unkoschere Machenschaften gerichtsverwertbar ausplaudern will, eliminieren. Die Szene um dieses unmoralische Angebot erinnert an improvisiertes Studententheater: Farrell und McGregor stottern rum, Wilkinson mimt die prophylaktisch beleidigte Leberwurst, schicksalsträchtig muss ein Gewitter grollen. Später werden Moralfragen auf unterstem Level gestellt: "Würdest du mit dem Regisseur schlafen, um eine Rolle zu kriegen?", fragt der eine seine Schauspieler-Freundin. Der Vater der Brüder sondert lahme Sprüche ab: "Komisch, wie das Leben sein Eigenleben hat." So was landete bei Woody früher im Papierkorb.

Selbst die Musik ist platt und aufdringlich eingesetzt. Wenn es nach gefühlten drei Stunden dann noch zwei Leichen gibt, muss man an des Meisters eigene Worte denken: "Die Ewigkeit dauert sehr lange, besonders gegen Ende." Mit diesem Film ist es leider genauso.
 

Peter Kreglinger

05.06.2008 - aktualisiert: 05.06.2008 13:13 Uhr

 


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