So langsam wird es einem mulmig: An einem einzigen Tag ist der Preis für Rohöl in einem Maße explodiert, das die Entwicklung der letzten Monate wie ein müder Abklatsch aussehen lässt. Denn dass der Gaspreis im Herbst in einer Größenordnung von 40 Prozent steigen könnte, ist leider keine Panikmache, sondern sehr realistisch. Schon Heizöl ist innerhalb des vergangenen halben Jahres um nahezu die Hälfte teurer geworden. Diese Entwicklung wird auch die Gasverbraucher einholen.
Von Walter Beck
Über mögliche Auswirkungen auf die Weltwirtschaft braucht man nicht erst zu spekulieren – sie sind längst spürbar, am dramatischsten in den Entwicklungsländern, die Energie, Maschinen und Konsumprodukte fast vollständig importieren müssen. Dort geht es den Menschen wirklich an die Substanz. Daran gemessen verkraftet die Wirtschaft der Industrieländer – allen voran Deutschland – den Preisschock bisher erstaunlich gut. Zum einen leidet auch die ausländische Konkurrenz unter den hohen Energiekosten. Zum anderen legen Öl- und Gasexporteure wie Russland oder die Golfstaaten ihr Geld zu einem großen Teil in deutschen Maschinen an.
Für die Verbraucher – aber auch für einzelne Wirtschaftsbranchen wie die Spediteure – ist das ein schwacher Trost. An ihnen bleiben die horrenden Energiekosten hängen, ohne dass sie sich über steigende Einnahmen in nenneswerter Höhe freuen könnten. Die Folgen sind absehbar: Im kommenden Winter wird eine Familie voraussichtlich zweieinhalbmal so viel für die warme Stube bezahlen müssen wie noch im Jahr 2000.
Der Ruf nach politischen Gegenmaßnahmen ist verständlich, aber wenig ausichtsreich. Natürlich kann die Regierung auf die Kürzung der Pendlerpauschale verzichten. Natürlich kann sie die Mineralölsteuer senken oder die Ökosteuer abschaffen. Aber damit wäre unter dem Strich kaum etwas gewonnen: Die Steuerausfälle müssten gegenfinanziert werden, und das ginge derzeit kaum, ohne den Bürgern an anderer Stelle etwas zu nehmen. Für die aktuellen Preissteigerungen bei Öl und Gas kann ohnehin nicht der Staat verantwortlich gemacht werden, auch wenn die Energiewirtschaft dies immer wieder versucht. Schuld ist der Boom an den Ölbörsen, der nur zum Teil durch die weltweite Nachfrage getrieben wird. Zu einem bedeutenden Teil geht er auf das Konto von Spekulanten, die Öl als Anlagealternative zum schwachen Dollar nutzen. Anders wäre der horrende Preissprung an einem einzigen Tag auch gar nicht zu erklären.
Wirksam und schnell gegen die Energiepreisexplosion vorgehen – das ist etwas, was die Kräfte von Regierungen übersteigt. Öffnet die Opec den Ölhahn, wird dies an den Börsen nicht einmal ein Zucken der Preiskurve hervorrufen. Und auch die Bindung der Gaspreise an den Ölpreis lässt sich nicht einfach per Dekret aufheben, wie sich das einige Politiker vorstellen. Diese Preisbindung ist nichts anderes als eine Krücke, auf die sich die Gaswirtschaft stützt, weil es für Gas, anders als beim Öl, keinen eigenen Markt gibt. Möglich, dass sich dies einmal ändert, aber dann wäre Erdgas nicht notwendigerweise billiger. Die wirtschaftlichen Mechanismen, die derzeit für den atemberaubenden Steigflug beim Öl verantwortlich sind, wären ja die gleichen.
Ist der Verbraucher der Preiswelle also schutzlos ausgeliefert? Nicht ganz. So haben die Bürger bisher kaum registriert, dass man zum Beispiel im Südwesten unter mindestens vier verschiedenen Gasanbietern wählen kann. Die Preisdifferenz für ein Einfamilienhaus beträgt derzeit fast 200 Euro im Jahr, und die Wechselprozedur ist nicht schwieriger als beim Strom. Hält der Höhenflug bei den Energiepreisen an, dürfte zudem auch mancher Hausbesitzer über den Einsatz von Solar- und Erdwärme sowie über energiesparende Heiztechnik neu nachdenken.