Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 12.06.2008
All In - Alles oder nichts
Ein Pokerface verzockt sich
Auf fast allen TV-Kanälen wird gepokert. Und die wenigen Sender, die nicht auf Einschaltquoten schielend Profizockern über die Schulter schauen, lassen in ihren Talkshow über Spielsucht diskutieren. Pokern ist nicht nur in Deutschland zum neuen Volkssport geworden. Und ein Film wie "All In - Alles oder nichts" will ungeniert beim Glücksspiel mitverdienen.
Erzählt wird vom in die Jahre gekommene Profizocker Tommy (Burt Reynolds), der das Talent des jungen Spielers Alex (Bret Harrison) entdeckt und fördert. Es dauert aber nicht lange, da sitzen sich die beiden als Kontrahenten gegenüber.
Wer bislang Pokern langweilig fand, der wird sich durch diesen Film bestätigt fühlen. Regisseur und Drehbuchautor Gil Gates jr. hat kein glückliches Händchen dafür, die Zockergeschichte packend zu inszenieren. Vergebens bemüht er sich, das Pokern durch eingestreute Zeitrafferaufnahmen flotter aussehen zu lassen.
Obendrein erweist sich die Story eifrigen Kinogängern sehr vertraut, ist sie nichts anderes als eine Variation des Films "Glück im Spiel", der im vergangenen Jahr im Kino zu sehen war. Und eine schlechte dazu. Denn war jener Film mit Robert Duvall und Eric Bana optimal besetzt und konnte das Duell zwischen Jung und Alt am Pokertisch perfekt vermitteln, so enttäuscht der Aufguss, in dem Frauen bestenfalls als Staffage vorkommen.
Immerhin verzieht Altmime Burt Reynolds, ehemals Schönling und inzwischen schon über 70 Jahre alt, als Tommy tatsächlich keine Miene beim Spiel. Von einem solchen Pokerface träumt natürlich jeder Zocker, es ist beim Pokerspiel schließlich ein unerlässliches Element. Dennoch gibt Reynolds dadurch mehr Witzfigur denn einen väterlichen Mäzen ab. Sein starres Gesicht zeugt eher von einer Hautstraffung als von überzeugender Schauspielkunst. Auch die Langsamkeit, mit der er sich durch die Szenen schleppt, dürfte alleine dem Zwecke dienen, sein Toupet nicht ungewollt verrutschen zu lassen. So viel Eitelkeit verdirbt das Spiel.
Wolfram Hannemann
12.06.2008 - aktualisiert: 12.06.2008 16:07 Uhr