Kiss: Tommy Thayer, Paul Stanley, Gene Simmons und Eric Singer (v. li.) Foto: Promo
Stuttgart - Bescheidenheit war noch nie die Stärke von Gene Simmons, 59 Jahre, Bassist, Sänger und Marketinggenie bei der US-Rockgruppe Kiss. „Kaufen Sie unsere neue DVD–Sammlung. Meine Mutter will ein neues Haus“, platzt der frühere Grundschullehrer unvermittelt heraus.
Kollege Paul Stanley, singender Gitarrist und das andere verbliebene Gründungsmitglied der New Yorker, betont derweil, dass der Kiss-Fanclub, die Kiss-Army, mehr Mitglieder habe, als es echte Soldaten auf der Welt geben würde: „Wenn es einen Krieg geben sollte, werden wir den gewinnen.“
Kernige Sprüche sind das, die allerdings grotesk anmuten, wenn sie in einem lieblos dekorierten Vorraum der sehr hässlichen Oberhausener König-Pilsener-Arena geklopft werden. Eben dort rührten die Altrocker Anfang Mai die Werbetrommel für ihre Europatournee: „Alive 35“ – denn ebenso viele Jahre kleben die Kiss-Musiker mittlerweile an den Plateau-Sohlen. Die Tour? Na klar, sie wird, versprechen Simmons, Stanley, Eric Singer und Tommy Thayer, das Beste, das Größte, das Bunteste, das die Welt je gesehen hat. Berühmt für ihr Make-Up, ein paar schmissige Hardrock-Hymnen und opulente Konzerte, inszeniert sich Kiss seit jeher perfekt als das unkaputtbare Rock’n’Roll-Ding und tragen nicht nur beim Eyeliner kräftig auf. Schöne Frauen, ein Rock’n’Roll und Geldverdienen sind der Motor dieser Band, deren Schaffen sich auf eine Scheinwelt bezieht, in der sie selbst der Mittelpunkt sind. Noch bevor überhaupt jemand fragen kann, erklärt Gene Simmons, dass man übrigens mehr Platten verkauft habe als die Beatles oder die Rolling Stones.
Neue Lieder haben sie seit zehn Jahren nicht mehr geschrieben. „Die Leute wollen die Hits“, ist sich Dienstleister Stanley sicher. Schließlich gehe auch keiner wegen neuer Lieder zum Stones-Konzert. „Es ist toll, wenn die eigenen Kinder in der Schule damit prahlen, dass ihr Papa bei Kiss spielt“, erläutert Gene Simmons. „Wären wir Culture Club, würden sie das sicher nicht tun.“ Stanley nimmt den Steilpass auf die schwule britische Popband der 80er Jahre dankend an: „Hey, dann hätten wir vermutlich keine Kinder.“ Unterhaltungsstunde in Oberhausen. „Norwegen ist das kleinste Land, in dem Sie zwei Konzerte geben. Warum?“, fragt einer. „Ich kann Ihnen nicht sagen, weshalb Norwegen so klein ist. Wir können die Größe Ihres Landes leider nicht ändern“, kontert Stanley.
Dann wird es Zeit für die obligatorische Hormonshow von Simmons, dem Mann, der sich so gerne als Erfinder von Sex im Patentamt eintragen lassen würde. Er fabuliert über Frauen, zukünftigen Sex – und flirtet mit einer italienischen Journalistin. Image ist schließlich alles, und Kiss hat nie vorgegeben, etwas anderes zu verkaufen als Stehplatzkarten für die glitzernde Scheinwelt. Sitzen dürfen nur sie selbst.
Kiss spielt am kommenden Mittwoch, 18. Juni, in der Schleyerhalle