Drucken Versenden

Kiss-Konzertkritik

Wenn Rocker zum Dienstleister werden

Foto: Veranstalter

Die US-Glamrocker feiern sich selbst und ein buntes Spektakel in der Schleyerhalle
 

Stuttgart - Was für den Sportmoderator Heribert Fassbender das "N’abend allerseits" war, klingt bei Kiss so: "You wanted the best, you got the best. The hottest band in the world – Kiss." So läutet die US-Hardrockband seit nun 35 Jahren ihre Konzerte ein. Das war auch am Mittwoch in Stuttgart so.

Sie waren bei Kiss in der Schleyerhalle? Erzählen Sie uns, wie es Ihnen gefallen hat!

 
 

Wer sich so vorstellt, hat freilich nichts Dezentes im Sinn. Am Mittwochabend werden fast 12.000 Leute Zeuge des Kiss’schen Größenwahns, der so vieles kennt, außer Understatement oder Selbstironie. "Deuce" erklingt, es kracht, der große Vorhang fällt und Kiss lassen sich von der Hallendecke mit der Hebebühne einfliegen. Es kracht, es blitzt und donnert, ab und an fliegt jemand durch die Lüfte, spuckt Feuer oder Kunstblut – wie "Die Hard", nur ohne Bruce Willis und mit mehr Make-Up.

Die maskierten Glamrocker feiern sich selbst beziehungsweise das 35-Jahr-Jubiläum der Band, inklusive all’ dem schönen Schein: meterhohe falsche Boxentürme, die funkeln sollen als wären sie aus Chrom, Konfetti-Kanonen, Raketen, Feuer, Videoleinwände, zwei Treppen, die ins Nichts führen, unglaublich bunte Lichter und Hits wie blöd – "C’mon and love me", "I was made for Loving you", "Detroit Rock City", "Strutter". Sie spielen das Alive Album von 1975 fast komplett durch.

Daraus, dass sie ihren Fans gerne das Geld aus der Tasche ziehen, haben Kiss nie einen Hehl gemacht. Was sie dabei von anderen unterscheidet: Sie geben auch was. Posen, Soli, Klischees und absurdes Rockertainment – Dienstleistung pur. Auch sich selbst schonen sie kaum und laufen auf Plateausohlen, die nicht mal mehr die Damen in den hintersten Ecken St. Paulis tragen würden.

Gene Simmons stapft ungelenk über die große Bühne, gibt den Dämon und zeigt allzu gerne seine sehr lange Zunge. Die Fans bekommen, was sie erwarten.

Nur ein paar Meter weiter steht Paul Stanley, dessen Aufgabe bestand schon 1973 darin, den sexy Animateur zu geben. Das macht er immer noch, trotz seiner 56 Jahre. Freier Oberkörper und immer am Zappeln ist der so überzeugend, dass er selbst der Toilettenfrau im ersten Stock der Schleyerhalle glaubhaft versichern könnte, dass er nur wegen ihr gekommen sei.

Nicht verschweigen darf man da Gitarrist Tommy Thayer und Drummer Eric Singer. Im Make-Up der längst gefeuerten Ace Frehley und Peter Criss füllen sie die ihnen zugedachten Komparsenrollen mehr als nur aus und sichern ein bisschen Musikalität und Rhythmus.

Der Rest der Show ist Gene Simmons und Paul Stanley vorbehalten. Bei "Love Gun" lässt sich Stanley am Seil über das Publikum ziehen, um inmitten der Schleyerhalle zu singen. Und Simmons’ Paradestück, das Kunstblutspucken, wird wieder mit einem grausigen Bass-Solo verbunden. Die Berechenbarkeit erinnert an alte Hollywoodschinken. Nur an der Klasse hapert’s halt doch des öfteren. Hin und wieder droht der Kiss-Auftritt schon beinahe zur Komödie zu werden.

Ab und an, da will man fast glauben, Stanley und Simmons wären immer noch die Typen in ihren Zwanzigern und die Sensation des Rock’n’Roll. So wie damals, als der junge Thomas Gottschalk im ZDF vor Kiss und der Lautstärke ihrer Konzerte warnte. Das war 1977. Aber was weiß Gottschalk schon von einer wirklich guten Show?
 

Jürgen Bock, StN

19.06.2008 - aktualisiert: 19.06.2008 11:54 Uhr

 


Lesermeinungen
20.06.2008 17:50
Autor: Mamba

Kiss in der Schleyerhalle war für mich eine Zeitreise mit überragendem Kultfaktor. Egal was mancher Reporter schreiben mag: Für mich waren es 2 Stunden in einer Zeit, die ich sehr vermisse, die Zeit in der diese Musik die offen, ehrlich und straight war.

Kiss sind ein Jar länger auf der Bühne als ich lebe. Eine sagenhafte Leistung. Umsomehr, wenn man betrachtet, wie sie sich selbst zu Exoten silisiert haben. Sie sind und bleiben ein Novum, offen, ehrlich und direkt, gepaart mit guter Musik. Auch das sollten Reporter berücksichtigen, wenn Sie auch anderer Meinung sind. Kult hat eben kein Verfallsdatum. Das haben KISS aller kritik zu Trotz eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

 

20.06.2008 11:27
Autor: Bobo @ All-Areas-Magazine

Ob es die alten Hasen noch drauf haben, sollen doch die Fans entscheiden. Ich war selbst in Oberhausen dabei und war, obwohl ich kein Kiss-Fan bin, begeistert. Die neue Garde könnte sich von den alten Hasen noch eine Scheibe abschneiden.
Die Fans in Oberhausen waren auf jeden Fall begeistert. Nach alter Marnier durften Pyro- und Lichteffekte nicht fehlen, genausowenig wie das Blutspucken. Die Fans wären sicherlich enttäuscht gewesen.
Aber ... die Hallen sind voll, ausverkauft. Warum die herbe Kritik, die Fans wollen es doch so ... Ralf aka Bobo @ All-Areas-Magazine.de

 

19.06.2008 15:16
Autor: Hans

Ein immer wieder äußerst sehenswertes Kasperletheater für Fortgeschrittene.

Kaum sonst wer traut sich eben so unverfroren spätpubertär zu posen (und ganz offensichtlich die Gitarre dabei nur zwecks Dekaration am Glitzergurt umzuhängen) wie Paule mitten in der Schleyerhalle. Schon gar kein Mittfünfziger, auch wenn inzwischen nicht mal mehr zentimeterdicke Theaterschminke die Faltenbildung verdecken kann.

Falsche Verstärkertürme, Pyros bis zum Hörsturz, triefende Schlabberzunge und Kunstblutkotze auf der Rockerrüstung - das sind eben die Zutaten, die seit 35 Jahren eine nie enden wollende Höllen-Show zum Mitschmunzeln ausmachen ... die ich nun aber wirklich auch kein viertes Mal mehr zu sehen brauche

... oder vielleicht doch?

 

Weitere Meinungen lesen



Anzeigen
 
 
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
ePaper
Für Abonnenten
Für Kaufinteressenten
» Abonnement
» StN Digital
» Einzelexemplar
» Infos
» Preise