Um deutlich zu machen, was ein kleiner MP3-Player mit Galeerensklaven und der Unerbittlichkeit von Untertanentum zu tun hat, muss ich ein bisschen ausholen. Wer sich in der Nähe innerstädtischer Gewässer herumtreibt, kann heute gelegentlich Ohrenzeuge einer der neueren Methoden modernen Gruppentrainings werden. Dumpfer, rhythmischer Trommelschlag ist zu hören, begleitet von scharfen Rufen. Es sind Drachenboote mit einer Ladung Angestellter, die Leistungswillen und Teamgeist zu verkörpern versuchen, indem sie ihren Kahn hektisch vorwärtsschaufeln, und dabei ein wenig aussehen wie Leute, die einen Acker mit Warpgeschwindigkeit umzustechen versuchen. Dass die antreibende Stimme oft die einer jungen Frau ist, hat wohl damit zu tun, dass der Sekretärin auch mal die Freude gegönnt werden soll, den ganzen Laden schreiend vor sich herzutreiben.
Einer Legende zufolge ist das Drachenbootfahren bei dem vergeblichen Versuch entstanden, den frühen chinesischen Dichter Qu Yuan vor dem Ertrinken zu retten. Hierzulande denkt man bei Schiffstrommlern eher an "Quo Vadis" und die grandiosen Galeerenszenen der Romanverfilmung von 1951. Heutzutage sind die Mannschaften nicht mehr angekettet und freiwillig am Stechrudern - so scheint es.
Brauchen freie, souveräne Individuen einen Chef, einen Muezzin, einen Vorturner? Kann das Orchester nicht in Ruhe seinen Beethoven spielen, ohne dass der Dirigent vorn herumfuchtelt? Aber der Boss ist, auch wenn wir ihn aus unserem Blickfeld vertreiben, längst in uns. Die Drachenbootruderer sind nur scheinbar nicht mehr angekettet, in Wahrheit hängen sie an unsichtbaren Fesseln - an der Angst, ihren Job zu verlieren, und der Bereitschaft, sich lieber zum Hampelmann machen zu lassen, als unkonstruktiv zu erscheinen. Also rudern.
Diese Art der unsichtbaren Galeerengefangenschaft ist in Japan zu fataler Perfektion entwickelt worden und heißt Karoshi - Tod durch Überarbeitung. In dieser Situation kommt die japanische Firma Yamaha mit einem MP3-Player namens BODiBEAT auf den Markt. Er spielt nicht nur Musik, sondern verfügt zudem über einen Beschleunigungssensor und einen Pulsmesser. Das Gerät wählt die passenden Beats zur körperlichen Betätigung. Es gibt auch einen Fitnessmodus, der die Musik beschleunigt und den Benutzer anstacheln soll. Gesprächsaufzeichnungen schneller abzuspielen, um Transkripte rascher anfertigen zu können, ist in Ordnung. Musik schneller abzuspielen, um Leute anzutreiben, ist reine Barbarei.
Mich erinnert das an einen Abend bei einem Freund, der noch über einen antiken Plattenspieler mit vier Abspielgeschwindigkeiten zwischen 16 und 75 Umdrehungen pro Minute verfügte. Er hat mir darauf eine Beethoven-LP vorgespielt. Ich will auch nicht verschweigen, dass es bereits späterer Abend war und wir etwas benebelt waren. Jedenfalls hat mein musikkundiger Freund mir ausführlich den Unterschied zwischen einer von Karajan (flotter) und einer von Furtwängler (getragener) dirigierten Neunten erläutert. Bis wir draufkamen, dass die LP statt mit 33 mit 16 Umdrehungen lief.
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