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Franziska Kötz

"Das ist höllisch anstrengend"

Franziska Kötz: Künstlerische Persönlichkeiten ausbilden ist wichtiger denn je.
Foto. Johannes Schaugg

Die Stuttgarter Schauspielschulleiterin Franziska Kötz schätzt Handwerk und freut sich über Wunder der Verwandlung
 

Ein Jahr im Amt: ein Gespräch mit Franziska Kötz, der Leiterin der Schauspielschule der Stuttgarter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, über Anfängerfehler, präzises Spiel und Startheater.

Frau Kötz, Sie haben gerade Aufnahmeprüfungen . . .
. . . und es kommt einem da von den über 500 Bewerbern so viel Energie entgegen, so viel Anspannung und Hoffnung, das ist überwältigend. Für uns ist das die härteste und aufregendste Zeit des Jahres: Wir wählen die neuen Studenten aus, mit denen wir die nächsten vier Jahre verbringen werden!

Und doch nehmen Sie nur acht Bewerber pro Jahrgang auf. Wie erkennt man Talent?
Man spürt schnell, ob ein Bewerber die nötige Bühnenpräsenz mitbringt und die Fähigkeit zu einem glaubwürdigen Spiel hat und ob er oder sie aus der eigenen Persönlichkeit heraus erzählen kann.

Haben Sie sich schon einmal geirrt?
In der letzten, dritten Runde entscheiden ja alle 25 Lehrer gemeinsam. Dass sich alle miteinander irren, ist wenig wahrscheinlich, aber natürlich nicht unmöglich.

Was erwartet die Schüler in Stuttgart?
Unsere Schule steht dafür, den Schülern ein solides und breit angelegtes Handwerk zu vermitteln. Das Wichtigste ist, sie zu selbstverantwortlichen künstlerischen Persönlichkeiten auszubilden. Das ist heute wichtiger denn je.

Warum?
Weil Schauspieler immer weniger damit rechnen können, präzise Vorgaben von der Regie zu bekommen, weil sie sich selbst sehr stark einbringen müssen in Inszenierungen, in denen der Primat des Textes zunehmend in den Hintergrund tritt. Sie begegnen dem Einsatz von Videos, sie müssen mit Textfassungen umgehen, die sehr stark bearbeitet sind, sie haben oft keine Stücke vor sich, sondern Drehbücher oder Prosabearbeitungen, die vom Schauspieler eine größere Souveränität in der Handhabung seiner Mittel fordern.

Wie reagieren Sie auf diese Entwicklung?
Indem wir bewusst die Autonomie der Studierenden stärken. Sie müssen wissen, was sie mit ihrer Figur sagen wollen, wie sie denkt, und daraus ihr Spiel selbstbewusst und mit Entschiedenheit entwickeln.

Als Sie vor einem Jahr als Schauspielchefin angefangen haben, sprachen Sie davon, Ausbildungsstrukturen genauer zu definieren. Was ist daraus geworden?
Gerade haben wir - und darauf bin ich schon ein bisschen stolz - die Arbeit an einer Art "innerer Verfassung" abgeschlossen: Wir haben gemeinsam definiert, was das Ziel unserer Ausbildung ist, was einen guten Absolventen auszeichnen und welche Lerninhalte jedes einzelne Fach vermitteln sollte. Das dient der überprüfbaren Definition dessen, was wir als Schule wollen, das dient den Lehrern zur Verständigung untereinander - und es dient den Schülern, die sich darauf berufen können.

Wie sieht das konkret aus?
Im ersten Jahr lernen die Schüler die Grundlagen des Spielens, dazu gehören Sprechen und Gesang. Sie werden in Akrobatik, Tanzen, Fechten und in der Theorie des Theaters ausgebildet. Diese Grundlagen werden durchgängig weiter gelehrt, dazu kommen ab dem zweiten Jahr das Rollenstudium und einzelne Workshops. In Liederwerkstätten und Projekten sammeln sie erste Erfahrungen mit Zuschauern auf unserer kleinen Arbeitsbühne. Im dritten Jahr zeigen sie eine erste Produktion vor "normalem", zahlendem Publikum im Wilhelma Theater - wir sind die einzige Hochschule im deutschsprachigen Raum mit einem eigenen, eigenständigen Theater - und danach, was uns sehr freut, eine Arbeit am Staatsschauspiel in Kooperation mit Hasko Weber.

In Ludwigsburg an der Theaterakademie wird schon im ersten Semester gespielt. Warum dürfen Ihre Studenten das nicht?
Weil sie im ersten Semester noch Laien sind. Erst will das Spielen gelernt sein. Wir wollen vermeiden, dass sich vorgefertigte Meinungen übers Spielen verfestigen, die Schauspielschüler oft zu Beginn noch haben. Sie müssen zuerst ihr Handwerk beherrschen lernen. Das ist wie bei einem Sportler: Hat er noch keine Technik gelernt und ist er nicht aufgewärmt, kann er sich böse verletzen.

Was sind denn die typischen Anfängerfehler?
Meinungen über richtiges und falsches Spiel, Klischees, Stereotypen der Darstellung. Man muss die Schüler ermuntern, Vertrauen in die eigene Fantasie zu haben, dass sie dahin kommen zu sagen: Das ist mein Gretchen oder mein Hamlet, deshalb spiele ich es so und nicht anders. Man muss sie Geduld lehren und ihnen neben der Lust am Spiel auch deutlich machen, dass das Schauspielen ein Beruf ist, den man nicht halbherzig und mit links machen kann, weil man die ganze Persönlichkeit ins Spiel bringen muss, das ist höllisch anstrengend. Wir bereiten sie auch darauf vor, nicht auf kontinuierliche Beschäftigung hoffen zu dürfen.

Wäre es nicht gerade deshalb wichtig, so früh wie möglich Kontakte mit Lehrern zu knüpfen, die aus der Praxis kommen, und so früh wie möglich vorzuspielen und Engagements zu bekommen?
Was die Vermittlung betrifft, nur so viel: In unserem letzten Jahrgang wurden sieben von acht Absolventen in feste Engagements übernommen. Das ist, auch wenn es nach Eigenlob klingt, eine hervorragende Quote. Unsere Lehrbeauftragten kommen im Übrigen alle aus der Praxis. Für die Produktionen im Wilhelma Theater engagieren wir allerdings Regisseure, Bühnenbildner, Kostümbildner: Künstler, keine Pädagogen, die mit den Studierenden unter professionellen Bedingungen arbeiten.

Nach welchen Kriterien suchen Sie diese Künstler aus? Wie wichtig sind bei solchen Engagements berühmte Namen - zumal Ludwigsburg mit Starregisseuren wie Luk Perceval aufwartet -, um in der nun so nahen Konkurrenz mitzuhalten?
Namen interessieren mich nicht vorrangig. Ich denke weniger an ein Renommee als an die Interessen unserer Schüler: Uns ist wichtig, dass die Lehrenden präsent sind und sich die Zeit nehmen, mit den Studenten kontinuierlich zu arbeiten. Ich versuche die Regisseure so auszuwählen, dass die Studierenden verschiedenste Regiestile kennenlernen. Was die Konkurrenz betrifft, so ist die inhaltliche Ausrichtung der Schulen so verschieden, dass ich keine Sorge habe. Und die Bewerberzahlen geben mir recht: Mit 502 Bewerbern auf acht Plätze bleiben unsere Zahlen kontinuierlich gut.

Bei allen Unterschieden zu Ludwigsburg: Sind Kooperationen verabredet? Theaterakademiechef Wolfgang Bergmann hat zuletzt von guten Gesprächen mit Ihnen gesprochen.
Das stimmt, doch die Theaterakademie ist mit ihren Plänen noch nicht weit genug, als dass man darüber sprechen könnte. Was bisher schon stattfand, war ein mehrwöchiger Filmworkshop für die Studierenden im vierten Jahr. Soweit ich weiß, wird der in diesem Herbst nicht zustande kommen. Deshalb haben wir bereits Kontakte mit anderen Hochschulen aufgenommen.

Reichen denn einige Wochen, um das Spiel vor der Kamera zu beherrschen, braucht es nicht doch ein regelrechtes Filmschauspiel-Studium dazu?
Die Erfahrung zeigt, dass man das nicht braucht. Nehmen Sie erfolgreiche Schauspieler wie zum Beispiel Nina Hoss und Burghart Klaußner: Beide haben eine klassische Schauspielausbildung genossen und sind nun sowohl auf der Bühne als auch im Film zu sehen. Für den Film sind Techniken gefragt, die man sich in relativ kurzer Zeit aneignen kann. Wir wollen Schauspieler so breit ausbilden, dass ihnen nach dem Studium offensteht, alles zu tun, was sie tun wollen.

Bevor Sie wieder zu Ihren Bewerbern zurückmüssen, eine letzte Frage: Seit einem Jahr unterrichten Sie ausschließlich. Vermissen Sie die Arbeit als Dramaturgin?
(Franziska Kötz lächelt, längere Pause) Mir macht die Arbeit mit den Studenten so viel Spaß, dass ich kaum darüber nachdenke. In gewisser Weise kehre ich hier an die Ursprünge meiner Leidenschaft für das Theater zurück: zu meinem Interesse an Menschen, an Figuren und ihrer Darstellung. Ich kann helfen, die spielerische Verwandlung zu initiieren, die schlussendlich doch immer ein Wunder bleibt.
 

Fragen von Nicole Golombek

23.06.2008 - aktualisiert: 23.06.2008 18:16 Uhr

 



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