Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 03.07.2008
Happy-Go-Lucky
Wie wir leben wollen
Das Dasein ist so schön, wie man es sich macht - nach dieser Maxime lebt die Grundschullehrerin Pauline, die alle Poppy nennen. Sie kleidet sich gerne farbenfroh und pflegt eine weltumarmenden Lebensfreude, in der sich Schicksale spiegeln: Ihre zügellose Schwester Suzy kommt nicht zurecht, die andere Schwester Helen - Mann, Vorstadt-Hypothek, schwanger - ist so gut organisiert, dass nur Verspannung bleibt, und Fahrlehrer Scott ist ein paranoider Misanthrop. Die entzückende Poppy aber lächelt, scherzt, nimmt Anteil, albert herum, tröstet und kostet bescheiden aus, was ihr kleines Leben ihr bietet.
"Happy-Go-Lucky" heißt unbeschwert, und das ist Poppy deshalb, weil sie es sich trotz allem gestattet. Sie ist weder naiv positivistisch noch eine Verdrängerin. Sie sieht die Widrigkeiten und Verwerfungen genau, wird aber nicht müde, eine Haltung dazu zu finden, die alles leichter erscheinen lässt. Wird ihr Fahrrad gestohlen, sagt sie: "Ich konnte mich nicht mal verabschieden!", gibt sich ein Zeitgenosse nach freundlicher Ansprache bärbeißig, lächelt Poppy unbeirrt, und wenn ein Schüler Probleme macht, forscht sie unaufgeregt und einfühlsam nach der Ursache.
Der britische Autorenfilmer Mike Leigh ist Spezialist für skurrile Gestalten und seltsame Blickwinkel in einer Welt harscher sozialer Realitäten, das hat er in Filmen wie "Lügen und Geheimnisse" bewiesen. Mit Poppy hat er nun eine Figur geschaffen, die einem Alltagsdrama den Tonfall einer Komödie verleihen kann. Er zeigt sie als Frau mitten im Leben, die Trampolin springt, sich am Flamenco versucht und mit Freundinnen ausgeht. Konsequent bis in kleinste Detail hält sein Drehbuch die Perspektive der neugierigen, dem Dasen zugewandten Frau, die zunächst erscheint wie ein großes Kind, sich aber bald als viel reifer entpuppt als viele derer, die ständig sogenanntes Erwachsenwerden einfordern. Poppy wirkt wie ein verirrter Sonnenstrahl in der dunklen Welt der Griesgrame, und je länger man ihr zuschaut und zuhört, desto mehr wünscht man sich, es gäbe mehr von ihrer Sorte.
Fröhlich leicht schwebt Sally Hawkins durch den Film
Dass Poppy auf der Leinwand strahlt und funkelt, ohne je aufdringlich zu wirken, das verdankt Leigh der 32-jährigen Sally Hawkins. So selbstverständlich verströmt sie die Weltsicht ihrer Figur, so fröhlich leicht schwebt sie durch den Film, dass nie auch nur der leiseste Zweifel entsteht, dass eine wie sie wirklich existieren könnte. Auf der diesjährigen Berlinale bekam sie dafür den Silbernen Bären als beste Schauspielerin.
Er wolle der "grassierenden Mode, übellaunig und pessimistisch zu sein", etwas entgegensetzen, hat Mike Leigh gesagt, als er seinen Film in Berlin vorstellte. Das ist ihm gelungen. Er rührt im Kleinen sogar an die größte, vielleicht politischste aller Fragen: Wie wir leben wollen.
Bernd Haasis
03.07.2008 - aktualisiert: 03.07.2008 11:33 Uhr