Muss die Notengebung bei der Vergleichsarbeit Mathematik ausgesetzt werden? Foto: dpa
Wie kommen Vergleichsarbeiten vorzeitig ins Internet? - Junge Union: "Nur noch peinlich"
Stuttgart - Kopfschütteln bei Eltern, gemischte Gefühle bei Schülern - die erneute Absage einer Vergleichsarbeit in der Klassenstufe acht im Gymnasium bringt die Kultusverwaltung in Erklärungsnot. Die Junge Union spricht von einer "Peinlichkeit".
Erst Deutsch, jetzt Geschichte - und was ist mit Mathematik? Der Reihe nach. Am Montag hatte das Kultusministerium die Öffentlichkeit davon informiert, dass die für den gestrigen Donnerstag geplante Vergleichsarbeit im Fach Deutsch nicht stattfindet, weil der Prüfungsinhalt durch einen "groben Fehler" an einem Gymnasium vorzeitig bekannt geworden war. Am Mittwochabend die zweite Absage: Auch die Vergleichsarbeit im Fach Geschichte, ursprünglich für kommenden Dienstag angesetzt, kann nicht geschrieben werden. Der Inhalt der Arbeit war wie von Geisterhand im Internet aufgetaucht. Von Chancengleichheit konnte keine Rede mehr sein. So blieb nur die Absage der Prüfung.
Gestern dann eine weitere mögliche Panne: Ein Schüler hatte sich beim Kultusministerium gemeldet und darauf aufmerksam gemacht, dass er den Inhalt der Mathe-Vergleichsarbeit, die am Dienstag an den 370 Gymnasien des Landes geschrieben worden war, im Internet entdeckt hatte. Wo genau, ließ sich nicht mehr rekonstruieren. Kann die Arbeit jetzt noch gewertet werden? Die Antwort des Kultusministeriums: Die Lehrer sollten bei der Korrektur der Arbeit auf Auffälligkeiten achten. Schwer erklärbare Leistungssteigerungen oder auch ein entsprechendes Schriftbild könnten Indizien sein, dass die Prüfung schon vorher bekannt war. In diesen Fällen, so der Sprecher des Ministeriums, könnte "die Notengebung ausgesetzt werden".
Keine Antwort hat man im Kultusministerium auf die Frage, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass die Inhalte der Vergleichsarbeiten, mit denen der Leistungsstand der Schüler nach einem zweijährigen Bildungsabschnitt getestet wird, vorzeitig bekannt werden konnten. Das Verfahren schien dem Ministerium sicher: Die Schulleiter erhalten die Aufgaben per E-Mail, sie sind mit einem Password geschützt und dürfen erst am Tag der Prüfung an die Fachlehrer ausgehändigt werden. "Dieses Verfahren wird es ganz sicher so nicht mehr geben", sagte der Ministeriumssprecher gestern auf Anfrage. Man prüfe jetzt mehrere Möglichkeiten, um künftig einen Missbrauch auszuschließen. Denkbar sei auch ein aufwendiges Vorgehen wie beim Abitur, wo die Aufgaben den Rektoren in versiegelten Umschlägen ausgehändigt werden.
In der Südwest-CDU wurden die Pannen mit Verwunderung registriert. "Das ist nur noch peinlich, was da passiert ist", sagte der Landesvorsitzende der Jungen Union, Steffen Bilger, am Donnerstag. Es sei nicht nachvollziehbar, warum eine solche Panne binnen weniger Tage gleich zweimal, womöglich sogar dreimal passieren könne.
Bilger forderte eine grundlegende Änderung der Konzeption. "Wenn es allein um den internen Vergleich in der Schule geht, ist dieser Aufwand mit den Arbeiten nicht gerechtfertigt." Sinnvoller sei ein Vergleich zwischen den Schulen. "Nur dann wissen die Schüler, Eltern und Lehrer auch wirklich, wo sie stehen." Bisher dienen die Vergleichsarbeiten lediglich der Orientierung innerhalb einer Schule. Drei stehen an den Gymnasien übrigens noch aus. Bei Vergleichsarbeiten an Real- und Hauptschulen wurden keine Pannen bekannt.