Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz, Österreich, geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin.
Begleitet seit über 20 Jahren als Schriftsteller und Mitglied des Chaos Computer Clubs die Entwicklung der digitalen Welt.
Glasers Netzkolumne - aus der STZ vom 16.07.2008
In den achtziger Jahren hatte Papst Johannes Paul II. in einer Enzyklika geäußert, das menschliche Leben müsse wieder menschlicher werden, was die Autoren des Satiremagazins "Titanic" in der Rubrik "Briefe an die Leser" zu der Frage veranlasste, ob nicht auch "das tierische Leben wieder tierischer und das pflanzliche pflanzlicher" werden müsse. Was sich albern anhört, hat inzwischen dank der immer umfassender um sich greifenden Überwachungstechnologie einen ernsten Unterton bekommen. Längst sind es nicht mehr nur Menschen, die überall und in allen Lebensbereichen überwachbar gemacht werden sollen. Haustiere werden gechipt, Wildtiere beringt. Nicht einmal der Marsstaub hat mehr seine Ruhe und wird noch nach allerwinzigsten kontrollierbaren Kreaturen durchwühlt.
Der Kulturwissenschaftler Lewis Mumford sprach von den magischen Kräften der Wissenschaftspriester und ihrer technischen Gehilfen, die der Menschheit die unübertroffene Eignung des göttlichen Computers für absolute Herrschaft vor Augen führen: "Hiermit wird der letzte Sinn des Lebens vom Standpunkt der Megamaschine schließlich klar: Er besteht darin, eine endlose Reihe von Daten zu liefern und zu verarbeiten, um die Rolle des Machtsystems zu erweitern und seine Herrschaft zu sichern. Wenn irgendwo, dann liegt hier die Quelle der unsichtbaren höchsten Macht, die imstande ist, die moderne Welt zu regieren."
Nun sind die Bäume an der Reihe. Eine Gruppe koreanischer Studenten hat ein digitales Sensorium entwickelt, das Bäume aushorcht. "Tree Talk" von Han-wook Lee, Dong-sub Lee und Man-suk Oh erschließt aus den elektrischen Signalen aus der Rinde, ob der Baum gesund oder krank ist. Die Botschaften des Baums würden sie aber nicht verstehen, räumen die Entwickler ein. Hauptsache Kontrolle. Mich erinnert das einerseits an eine Anekdote, die Mumford aus seiner Jugendzeit erzählte, als er das Magazin "Modern Electrics" las und sich immer leistungsfähigere Radiodetektoren bastelte, allerdings ohne sich die Mühe zu machen, das Morsealphabet zu lernen. Andererseits wird jedem Science-Fiction-Leser sofort das planetengroße Protoplasma aus Stanislaw Lems Roman "Solaris" einfallen, das die unglaublichsten Formen herausbildet und offensichtlich auf die Menschen reagiert, die sich seit vielen Jahren in einer Forschungsstation im Orbit mit dem Rätsel befassen. Aber niemand versteht, was diese Formen zu sagen haben könnten.
Tree Talk ist als System zur Überwachung von Bäumen in Parks gedacht. Hauptsache Kontrolle. Sollen die Bäume doch reden, Free Speech, blabla. Auch in jedem modernen Weinberg sind inzwischen Batterien von Messfühlern und Zustandsspionen untergebracht. Die Alten wussten noch: im Wein liegt die Wahrheit. Aber die scheint heute niemand mehr hören zu wollen. Hauptsache Kontrolle. Auf manchen Weingütern wird, aus Sentimentalität, übrigens noch ein anachronistisches analoges Alarmsystem gepflegt. Dort sind an den Rändern der Weinhänge Rosenstöcke gepflanzt. Schädlinge, die den Wein befallen könnten, befallen zuvor die Rosen. Das ist doch, immerhin, ein schönes Kontrollverfahren - keine roten Lampen und Sirenengeschrill, sondern ein rotes Verblühen.