Stuttgart - Der Blick zurück war Jethro Tull schon immer Navigation und Inspiration zugleich. Benannt nach einem historischen Agrar-Pionier, mischte Tull-Tutor Ian Anderson Folkmelodien und die Flöte als Lead-Instrument in typisch englischen Art Rock - nie ganz "Here and now", immer mit mindestens einem Bein "Living in the past", ein Songtitel, der Programm wurde.
Von Michael Riediger Umso mehr bei der Tournee anlässlich des 40-Jahre-Bühnenjubiläums, die Jethro Tull am Mittwochabend auch auf den Killesberg führte. Ganz frühe Stücke prägen das Programm auf der Freilichtbühne. Solche vom 1999 erschienenen letzten Album mit neuen Songs fehlen dagegen ganz. Innovation und Kreativität hebt sich Anderson, der jüngst einen Ehrendoktor für Literatur verliehen bekam, für weitere Aktivitäten auf, etwa für die Zusammenarbeit mit einem Orchester.
Mit seiner alten Band pflegt er indes ausschließlich einen Back-Katalog, um den ihn viele beneiden dürften. Und gurgelt und prustet auch auf dem Killesberg in seine Querflöte wie einst im Mai 1968, als solch expressive Spielweisen der Rockmusik ganz neue Dimensionen eröffneten. Ein Flöten-Flashback, Nostalgie pur. Als würde Anderson selbst seine große Zeit in der Vergangenheit orten. Es begleitet ihn weiterhin der Gitarrist Martin Barre, seit 1969 dabei. Der Rest der Band setzt sich aus relativ neuem Personal zusammen, das erst in diesem Jahrtausend zu Anderson stieß: David Goodier ("Tull-Bassist Nr. 7", wie der Chef feixt), John O'Hara (Keyboards) und Doane Perry (Drums). Mit dieser instrumental fähigen Tull-Truppe, und bei hervorragendem Open-Air-Sound, klingen folkgeprägte Stücke flüssig und überzeugend, während Barre sich vor allem in den härter rockenden Nummern hörbar wohlfühlt.
Und auch Anderson scheint noch nicht "Too old to rock'n'roll", wie er einen Song vor 30 Jahren titelte, sondern gut bei Stimme und sarkastisch wie eh und je. Einmal behauptet der Schotte, neuerdings die kurzen Stücke zu bevorzugen, weil er dann früher ins Bett komme. Danach aber spielt er wieder, wie eh und je, den Flöten-Faun, wenn auch nur ab und zu auf einem Bein. Ein unvermindert vitaler ArtrockPionier, der angesichts des schlechten Besuchs in Stuttgart offenbar stärker an der ruhmreichen Vergangenheit hängt als sein Publikum.