Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 17.07.2008
Mamma Mia!
Die Damen haben es in sich
Was hat diese Geschichte für ein Potenzial: Eine junge Frau möchte endlich ihren Vater kennenlernen, liest heimlich alte Tagebücher ihrer Mutter und lädt zu ihrer Hochzeit drei Männer ein, die als Erzeuger infrage kommen. Natürlich erkennt sie Papa nicht, und es kommt zu Verwicklungen, denn Mama ist nicht begeistert. Ein Stoff für die schönste Screwball-Komödie.
Zu den Stärken der Verfilmung des Abba-Musicals "Mamma Mia" gehört das Damentrio um eine vor Energie berstende Meryl Streep (59), die über die Leinwand wirbelt und einen Spagat in der Luft macht, als spiele sie die junge Braut und nicht deren Mutter. Zur Seite hat sie Christine Baranski als reifes Luxusweib mit einer Vorliebe für Ausschweifungen und Julie Walters als Autorin, die ein Leben unabhängig von Männern genießt. Die drei waren einst ein Sangestrio, das es noch immer in sich hat und in Abba-Kostümen sehenswert "Dancing Queen" und "Super Trouper" aufführt.
Der Soundtrack ist hervorragend gelungen, Benny Anderson hat ihn höchstpersönlich produziert. Da stimmen jedes Detail, jeder fiepende Synthesizer-Schnörkel, jeder Gitarreneinsatz, und manche Songs gewinnen sogar - besonders jene, die Meryl Streep wie in "Money, Money, Money" mit energischer Stimme förmlich unter Strom setzt. Das Organ von Amanda Seyfried als Braut dagegen ist mitunter reichlich schrill, und Pierce Brosnan hätte man vor sich selbst schützen müssen; hier singt eben auch, wem Gesang nicht gegeben.
Schwierig wird es oft in den Sequenzen zwischen den Songs - also bei dem, was den Film zum Film macht. Anders als die Bühne braucht die Leinwand eine Illusion von Lebensnähe, die Theaterregisseurin Phyllida Lloyd nur selten herstellt, etwa wenn die flügge werdende Tochter sich noch ein letztes Mal auf das Mutter-Kind-Spiel einlässt. Die drei Männer, prominent besetzt mit Brosnan, Colin Firth und Stellan Starsgard, werden unter Wert verkauft, und die gestandenen Damen und Herren Profis lassen die Jungdarsteller aussehen wie Soap-Sternchen.
Die Bildgestaltung schließlich besteht aus bedeutungslosen mediterranen Postkartenmotiven und der Pseudo-Folklore einer griechischen Insel, auf der die Frauen noch Kittelschürzen tragen und Esel das vorherrschende Transportmittel sind. Die Kamera hält meistens ungeführt drauf, und wer Kitsch mag, dem wird das Firmament voller Computer-Sterne überm Bootssteg ebenso gefallen wie Brosnan im Parfümverkäufer-Anzug vor der Hochzeitskapelle.
Für einen kurzweiligen Abend ist die bunte musikalische Nummernrevue trotzdem gut - vorausgesetzt, man kann ausblenden, was für ein Potenzial diese Geschichte eigentlich hätte.
Bernd Haasis
17.07.2008 - aktualisiert: 17.07.2008 10:05 Uhr