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Stuttgart 21

Gutachten sieht finanzielles Fiasko

Der Stuttgarter Hauptbahnhof bleibt Streitobjekt
Foto: dpa

Gegner fordern sofortigen Stopp aller Planungen
 

Die Gegner des Bahnprojekts Stuttgart 21 haben am Freitag ein Gutachten zu den Kosten des neuen Tiefbahnhofs und der Gleistrassen von Feuerbach bis Wendlingen vorgelegt. Stuttgart 21 wird demnach mindestens 6,869 Milliarden Euro kosten. Die Bahn beharrt auf 2,8 Milliarden Euro.

Das Münchener Büro Vieregg Rössler sondierte im Auftrag des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21 in den letzten Wochen 160 Aktenordner aus der Planfeststellung. Die verschiedenen Bauabschnitte, darunter auch der neue Tiefbahnhof, werden hier sehr detailliert beschreiben.

Stuttgart 21 werde bis zur Fertigstellung 2020 mindestens zweieinhalbmal so teuer werden wie die Bahn AG heute behaupte, sagte Martin Vieregg bei der Vorstellung des Gutachtens auf einer Pressekonferenz im Landtag. Sollten die jährlichen Baupreissteigerungen nicht bei zwei, sondern 5,5 Prozent liegen, müsse sogar mit 8,699 Milliarden Euro und damit einer Verdreifachung der Kosten gerechnet werden.

Als Ursache für die extreme Abweichung nannte das renommierte Büro, dessen Berechnungen für die Kosten des Flughafen-Transrapids in München von der Industrie bestätigt worden waren, vor allem zwei Faktoren: Die Bahn AG habe in ihren Berechnungen für ihre bereits 1994 präsentierten Pläne die Inflation offenbar "nicht berücksichtigt". Stuttgart 21 war 1994 von der Bahn AG auf 4,8 Milliarden D-Mark beziffert worden. "Die damalige Zahl war nach unseren Rechnungen richtig", so der Diplom-Kaufmann Martin Vieregg.

Außerdem seien die ersten Pläne wesentlich verändert worden. Die Tunnelstrecken hätten sich gegenüber 1994 um 28 Prozent verlängert, was aber nicht in die Kalkulation eingegangen sei. "Ich glaube nicht, dass hinter den 2,8 Milliarden Euro mehr steht als die Hochrechnung von 1994" sagte Vieregg.

"Merkwürdig" sei außerdem, dass die DB einen Risikozuschlag von 1,3 Milliarden Euro, also fast 50 Prozent der Projektkosten, anführe. Die Risiken sollen, wenn sie denn eintreten, überwiegend von Land und Stadt (bis zu 260 Millionen Euro) übernommen werden. Bei einer seriösen Berechnung dürften laut Vieregg nicht mehr als maximal 20 Prozent Risikozuschlag angesetzt werden.

"Die Zahlen zeigen, was auf das Land zukommt. Die Bahn hat bisher eine nicht verantwortbare Milchmädchenrechnung vorgelegt", kommentierte Brigitte Dahlbender, Landesvorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz (Bund). Sie fordert den "sofortigen Planungsstopp für Stuttgart 21".

Das Projekt könne "zum Transrapid ins Doppelgrab" gelegt werden, sagte Werner Wölfle, Sprecher der Grünen-Fraktion im Stuttgarter Rathaus. Er appellierte an Stadt und Land, das Gutachten zu nutzen. Beide liefen Gefahr, weitere Millionen zuschießen zu müssen. Das Land dürfe keine Finanzierungsvereinbarung mit Bahn und Bund schließen.

Exakt vor einem Jahr hatten die Projektpartner eine Absichtserklärung zur Finanzierung abgegeben. Der Stuttgart-21-Gegner Roland Ostertag, der mit Gangolf Stocker von der Initiative Kein Stuttgart 21 Berechnungen mit 7,5 Milliarden Euro vorgelegt hatte, sieht sich bestätigt.

Die Bahn AG wies das Gutachten als "haltlos und rein spekulativ" zurück. Baupreissteigerungen und Risiko seien bedacht, sagte ein Sprecher. "Diese Ferndiagnose aus München ist unseriös", sagte OB Wolfgang Schuster. Folge man den Gutachtern, gelte für Sanierung und Ausbau des Kopfbahnhofs die gleiche Kostenexplosion. Ja, die Verteuerung gelte auch für das Wunschprojekt der Gegner, sagt Martin Vieregg, dieses "würde wohl etwa ein Drittel von Stuttgart 21 kosten".

Die Kostensteigerung bei Stuttgart 21 sei "typisch für Großprojekte", sagt Karlheinz Rößler. Bundesweit sei die Tendenz zu beobachten, bei großen Infrastrukturvorhaben "mit niedrigeren als den tatsächlichen Kosten ins Verfahren zu gehen". Nach der Baufreigabe stiegen die Kosten so zwangsläufig.
 

Konstantin Schwarz

18.07.2008 - aktualisiert: 18.07.2008 19:57 Uhr

 



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