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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 24.07.2008

Akte X - Jenseits der Wahrheit

Rätselraten mit Mulder und Scully

Nie klangen Verschwörungstheorien einleuchtender als in den 1990ern, als die FBI-Agenten Dana Scully und Fox Mulder Woche für Woche im Nebel nach dem Übernatürlichen suchten. Chris Carters TV-Serie "Akte X" spielte ästhetisch und erzählerisch stets mit dem Vagen, Ungefähren und versteckte hinter jedem gelösten Rätsel ein neues Geheimnis. Damit ist die Mystery-Serie noch heute stilprägend - wie aktuelle Beispiele wie "Lost" zeigen.

Der Hype um Mulder und Scully, die sich zu ihren aktiven Zeiten auch in Popsongs ("Mulder and Scully" von Catatonia) oder andere Fernsehserien verirrten (die legendäre "Simpsons"-Folge "The Springfield Files"), ist inzwischen aber verebbt. Chris Carter vertraut deshalb bei dem Kinofilm "Akte X - Jenseits der Wahrheit" nicht darauf, das sich die Zuschauer heute noch im Mystery-Gewirr, das die Fernsehserie umspann, auskennen. Bei der Rückkehr der beiden FBI-Agenten wird das Übernatürliche - anders als im ersten "Akte X"-Kinofilm von 1998 - an den Rand gedrängt.

Fans der Serie finden sich sogar in einer verkehrten Welt wieder. Den Satz, "Wir werden jetzt noch einige Tests durchführen", sagt nicht etwa eine mysteriöse Organisation, die Aliens mit menschlichen Laborratten versorgt, sondern Dana Scully (Gillian Anderson) höchstpersönlich. Diese hat beim FBI gekündigt, arbeitet wieder als Ärztin und hat sich gerade dazu durchgerungen, einen todkranken Jungen einer extrem schmerzhaften experimentellen Behandlung zu unterziehen. Auf experimentelle medizinische Behandlungsmethoden haben sich aber auch die Bösewichts des Films spezialisiert. Und die jungdynamischen FBI-Agenten Dakota Whitney (Amanda Peet) und Mosley Drummy (Xzibit) müssen verblüffend wenig Überzeugungsarbeit leisten, um Scully und Mulder (David Duchovny) wieder zum FBI zu locken.

Verwunderlich ist aber auch, wie sehr sich Chris Carter im Kinocomeback der Serie dem Vagen widersetzt. Stattdessen entwirft er eine konventionelle Thrillerstory, die nicht nur wegen der vielen Parallelmontagen an "Das Schweigen der Lämmer" erinnert. Die Figur des zwielichtige Father Joseph Crissman (Billy Connolly), der vorgibt Hellseher zu sein, ist in dem Streifen ganz allein für das Mystery-Element verantwortlich. Außer der nebligen, farblos-matten Optik und einigen Insider-Jokes lässt "Akte X - Jenseits der Wahrheit" wenig übrig von dem, was die Originalserie ausmachte.

Und auch das größte Geheimnis von "Akte X" gibt Chris Carter leichtfertig preis: ob Mulder und Scully auch als Liebespaar taugen würden. Das Fragenstellen liegt ihm offensichtlich mehr als das Antwortengeben.
 

Gunther Reinhardt

24.07.2008 - aktualisiert: 24.07.2008 10:42 Uhr

 


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