Schorndorfer Werkzeugmaschinenbauer Kelch & Links hat seit drei Jahren chinesische Eigentümer
Aller Anfang ist schwer. Das gilt auch für deutsch-chinesische Beziehungen. Knapp drei Jahre nach dem Einstieg der chinesischen HMCT-Gruppe sieht sich der Schorndorfer Werkzeugmaschinenbauer Kelch&Links auf der richtigen Spur.
Für die Verständigung zwischen dem Staatsunternehmen HMCT mit 4500 Mitarbeitern und dem schwäbischen Mittelständler mit 160 Mitarbeitern, ist Max zuständig. Er vermittelt zwischen der deutschen und der chinesischen Mentalität. "Max, wie sage ich es, dass sie verstehen, was ich meine?", fragt Thomas Esswein, Geschäftsführer von Kelch & Links.
Max heißt mit richtigem Namen Jiyuan Li und ist Essweins Kollege in der Geschäftsführung. Weil Jiyuan schwierig für deutsche Zungen auszusprechen ist und es üblich ist, sich in der Geschäftsführung mit Vornamen anzusprechen, wählen die Kollegen aus China für sich deutsche Vornamen, um es ihren Partnern einfacher zu machen.
Seit HMCT das Traditionsunternehmen Kelch 2005 aus der Insolvenz übernommen hat, ist Max bereits der zweite Geschäftsführer, den der Mutterkonzern nach Schorndorf entsandt hat. Einen Dolmetscher an der Seite wie sein Vorgänger ihn hatte, braucht er nicht. "Max spricht sehr gut deutsch", erzählt Esswein.
Kelch, zuvor drei Generationen in Familienhand, firmiert seit der Übernahme als Kelch & Links. Links ist der Markenname der chinesischen Werkzeugmaschinen und Messgeräte im Konzern. Einmal im Monat berichtet Esswein die Umsatzzahlen nach Harbin, dem Sitz von HMCT im Nordosten Chinas. Und einmal im Jahr gibt es ein Treffen mit der chinesischen Seite, bei dem die Schorndorfer darlegen, wo das Unternehmen hinwill. Ansonsten, sagt der 47-Jährige, "lässt uns unsere chinesische Mutter alle Freiheiten."
Das erwies sich anfangs als problematisch. HMCT hatte nach der Übernahme einen Interimsmanager an die Spitze von Kelch & Links gesetzt, der von einer Unternehmensberatung kam. Dieser war gewohnt, dass der Mutterkonzern eingreift und Vorgaben macht, schildert Esswein. "Für HMCT wiederum waren wir die erste nicht chinesische Akquisition", sagt der 47-Jährige. "HMCT hat gewartet, dass wir sagen, was zu tun ist." Zwei Jahre lang haben die Schorndorfer ohne Strategie und ohne Sanierungskonzept weitergewurstelt, räumt der heutige Geschäftsführer ein. Bis langsam Druck aus der Belegschaft kam, "die forderte, dass etwas passieren muss."
Daraufhin ist vor einem Jahr im kleinen Führungskreis die Strategie 2015 entwickelt worden. Diese sah harte Sanierungsschritte und Investitionen in zusätzliche Produktionsmittel vor. Beides hat HMCT von einem Tag auf den anderen abgesegnet. Was man in Schorndorf zu schätzen weiß. "Ein amerikanischer Investor hätte nicht zwei Jahre gewartet bis wir rote Zahlen angehäuft haben", vermutet der Kelch& Links-Chef. "Da würde es uns heute schon nicht mehr geben."
Die Zukunftsstrategie beinhaltet auch die Weiterentwicklung vom Spezialwerkzeughersteller zum Anbieter von Komplettlösungen. Ein Teilbereich der Produktion von so genannten Werkzeugaufnahmen - das ist das Bindeglied zwischen Maschine und Schneidwerkzeug - ist nach China zu HMCT verlagert worden, um kostengünstiger herstellen zu können. Für Esswein erweist sich hier die chinesische Mutter als "Glücksgriff": "Aus eigener Kraft hätten wir es nie geschafft, eine Produktionsstätte in Fernost aufzubauen."
Insgesamt machen Werkzeugaufnahmen etwa die Hälfte des Umsatzes von derzeit rund 22 Mio. Euro aus. Die andere Hälfte entfällt auf Geräte, die Werkzeuge präzise einstellen. "Hier sind wir einer der beiden Weltmarktführer", sagt Esswein.
Bis 2015, so der Plan, soll die Belegschaft von derzeit 160 auf knapp über 200 anwachsen, der Umsatz soll 40 Mio. Euro erreichen.
Seit der Übernahme hat HMCT nach Auskunft des Geschäftsführers einen zweistelligen Millionenbetrag investiert. Bis daraus Gewinne zu erwarten sind, dürften noch Jahre vergehen. 2008 soll jedoch ein ausgeglichenes Ergebnis erreicht werden.
Obwohl sich der Werkzeugmaschinenhersteller endlich wieder auf dem richtigen Weg sieht, begegnen manche Kunden dem Einstieg der Chinesen mit Vorbehalten. Die ziehen doch nur Know-how ab und machen dann den Laden zu, ist immer wieder zu hören. Für Kunden, die Einstellgeräte kaufen, die 20 bis 25 Jahre im Einsatz sind, und während dieser Zeit betreut werden wollen, ein kaufentscheidender Aspekt. Esswein wischt solche Bedenken beiseite. "Die Freude auf chinesischer Seite wäre nur kurz", hält er dagegen, "denn das Know how wäre nach zwei bis drei Jahren veraltet." Chinesen denken langfristig, ist der 47-Jährige überzeugt.
Nur manchmal ist Ungeduld auf Seiten des Mutterkonzerns zu spüren. "Alles muss am besten schon gestern erledigt sein", schmunzelt der Geschäftsführer. Kaum, dass in Harbin ein Email abgeschickt wird, greift in China sofort jemand zum Hörer und fragt, ob die Sache schon erledigt sei. Gibt es Irritationen, muss Max vermitteln.