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Klangqualität

Ey, hör mal!

Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz, Österreich, geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin.
Begleitet seit über 20 Jahren als Schriftsteller und Mitglied des Chaos Computer Clubs die Entwicklung der digitalen Welt.

Glasers Netzkolumne - aus der STZ vom 30.07.2008
 

Anlässlich einer Veranstaltung namens Brainstorm Tech im kalifornischen Half Moon Bay, zu der Hightech-Prominenz über die globalen Folgen des technologischen Wandels referierte, sprach auch der Sänger Neil Young. "Die Ohren sind die Fenster zur Seele", sagte der Musiker, den ein Kritiker einmal den "Mann mit den Tränensäcken im Kehlkopf" genannt hat. Young beklagte besonders die auf Kinderspielzeugniveau herabgesunkene Klangqualität im Zeitalter von Laptoplautsprechern und MP3-Playern.

Musiker haben es aber heute auch wirklich nicht einfach. Erst ist ihnen die grundlegende Einheit für ihr Schaffen verloren gegangen: das Album. Stattdessen ist die Welt der Sounds nun atomisiert zu einer digitalen Unendlichkeit aus einzelnen Stücken, aus der man sich seine Tracks zusammenklaubt. Neue Musik zu entdecken, wird trotz des scheinbaren Überangebots im Netz schwieriger. Früher waren auf einem Album immer auch zwei, drei Stücke, mit denen man erst mal wenig anfangen konnte und die dann manchmal nach zwanzigmal hören spät erblühten. Heute ist ein Track schnell gelöscht, wenn er nicht gefällt. Auch die Empfehlungssysteme der Onlineradios und Musiknetzwerke bestärken meist nur das, was man ohnehin schon kennt.

Nun geht auch noch die gehobene Stereofonie dahin. Neil Young hält die mobile Musikgerätschaft, die sich in den Jackentaschen der planetaren Jugend eingenistet hat, für einen kulturellen Niedergang. Er ist in einer Zeit aufgewachsen, in der WG-Zimmer oft nicht einmal möbliert waren, Matratze reichte - aber was da doch als Mindestmöbel in der Ecke stand, war ein Hifi-Rack und dicke Boxen.

Schon die Unbequemlichkeit, dass eine LP immer nach der Hälfte umgedreht werden musste, machte das Herannahen der digitalen Annehmlichkeiten aber unvermeidlich. Die Glaubenskriege um die Überlegenheit analoger oder digitaler Wiedergabeverfahren sind geschlagen, die Bits haben gewonnen, wobei sich auch das Vinyl immer noch anständig hält. Nun übersieht Young, dass es unterschiedliche Hör-Charaktere gibt und sich nicht jeder, wie Musiker das gerne tun, von einer bühnentauglichen Soundstage an die Wand schallern lassen will. Andersrum gesagt: gute Musik darf sich nicht davon unterkriegen lassen, wenn sie aus kleinen Lautsprechern kräht - vom Kofferradio bis zum iPod führt eine Traditionslinie der Popmusikleichtigkeit, und zwar im wahrsten Sinn des Wortes.

Ein Klarinettenkonzert von Mozart kann ohne Frage durch bessere Boxen gewinnen, muss aber durch kleinere nicht verlieren. Und was Neil Young für einen Niedergang hält (und in Wirklichkeit zu einer nie da gewesenen Präsenz von Musik geführt hat), das gibt es auch in die andere Richtung, als dekadente Wunderlichkeit. Einer meiner Freunde ist audiophil. Ich bestaune ihn manchmal wie ein Tiefseelebewesen. Er wartet, ehe er eine Platte auflegt, bis seine Frau die Wohnung verlassen hat, um unerwünschte Trittschwingungen zu vermeiden. Dann ruft er die Erdbebenwarte an, um sich über den seismischen Zustand des lokalen Teils der Erdkruste informieren zu lassen. Anschließend wird die Stellfläche der Anlage mit der Wasserwaage neu eingemessen und es werden Federung und Justage des Subchassis korrigiert. Schließlich ertönt die Musik.

E-Mail an den Autor: p.glaser@stz.zgs.de
 

Peter Glaser

30.07.2008 - aktualisiert: 27.08.2008 10:47 Uhr

 



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