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Tagesthema

Revanche

Erinnert sich noch jemand, wie alles anfing? Richtig: Ende Januar, nur wenige Tage vor der Hessen-Wahl, dachte Wolfgang Clement laut über das energiepolitische Konzept von SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti nach.


Der frühere Superminister für Wirtschaft und Arbeit, inzwischen ein gut bezahlter Energielobbyist, kam zu dem gar nicht freundlichen Schluss, dass die Parteifreundin unwählbar sei. Ypsilanti verfehlte das greifbar nah scheinende Ziel, Roland Koch als Regierungschef abzulösen. Clement hatte sein Ziel erreicht.Darf die SPD deshalb ein klein wenig verstimmt sein? Sie darf. Zu Recht hat die Parteigerichtsbarkeit Clements Blutgrätsche in erster Instanz gerügt. Wer - zur großen Freude des politischen Gegners - unmittelbar vor einem wichtigen Urnengang gegen einen Bewerber der eigenen Partei schießt, darf sich über eine entsprechende Reaktion nicht wundern. Clement, obwohl zu seiner Regierungszeit als Erzreformer regelmäßig und durchaus genussvoll von der Parteilinken Ypsilanti gepiesackt, hätte schweigen sollen. Einen Parteiausschluss jedoch, wie ihn nun die Zweitinstanz beschloss, hat der verdiente Genosse nie und nimmer verdient. Es drängt sich der Verdacht auf, dass es im Fall Clement längst um ganz anderes geht.

 
 


Viel spricht dafür, dass zumindest Teile der SPD mit dem Rauswurf eine späte Revanche für die Agendareformen der Ära Schröder nehmen. Wie kein zweiter Sozialdemokrat stand und steht Clement für den mutigen Versuch, die Partei, aber auch den Sozialstandort Deutschland neu zu erfinden. Das Gemeinwesen hat davon profitiert, wie ein Blick auf die Arbeitslosenstatistik zeigt. Die SPD selbst indes sieht sich in eine tiefe Krise gestürzt. Enttäuschte Mitglieder und Wähler laufen in Scharen davon. Für all dies steht der Fall Clement. Selbst wenn die Bundesschiedskommission als letzte Instanz Gnade walten lassen sollte - der Grundsatzkonflikt zwischen Reformern und Reformgegnern in der SPD ist noch lange nicht aus der Welt.
 

Willi Reiners

31.07.2008 - aktualisiert: 31.07.2008 18:58 Uhr

 


Lesermeinungen
06.08.2008 22:25
Autor: P. Vilhely

Die ganze Aufregung und die Diskussionen, ob Clement ausgeschlossen werden soll, kann ich gar nicht so recht verstehen. Was da alles so hineininterpretiert wird, ist schon merkwürdig. Dabei ist die Sache m.E. ganz einfach: Clement hat in der SPD nichts mehr zu suchen, denn er hat vor der Hessen-Wahl empfohlen, die SPD nicht zu wählen. Dies hat mit "anderer Meinung sein" nichts mehr zu tun. Was würde wohl geschehen, wenn Angela Merkel vor der Bayern-Wahl empfiehlt die CSU nicht zu wählen?

 

03.08.2008 10:52
Autor: Jochen Findeisen

Herr Clement muß zZt die Erfahrung machen, die auch vielen anderen Mitgliedern, Sprachrohren und Lohnschreibern der "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" nicht erspart bleibt: Der Neoliberalismus frisst seine Kinder und Verkünder. Dies hat der Kommentator wohl noch nicht ganz kapiert, sonst würde er nicht das neoliberale, durch nichts zu beweisende Märchen Verbreiten, die "mutigen" Reformen von Clement und Co. hätten Deutschland genutzt . Er sollte zur Kenntnis nehmen, dass Deutschland nicht nur aus Leuten besteht, die ihr Einkommen aus Kapitalvermögen und Unternehmertätigkeit beziehen. Seit sieben Jahren sind zwar deren Einkünfte um (inflationsbereinigt) 36% gestiegen; die Löhne und Renten sind im gleichen Zeitraum um 0,4 bzw. um 0,6% gesunken.
Ebenso wenig ist beweisbar, dass durch die Agenda 2010 Arbeitsplätze geschaffen wurden. Wenn überhaupt, dann waren dies Arbeitsplätze, die nur bei neoliberalen Zynikern Freude auslösen können: Über 7 Millionen Mitbürger(innen) arbeiten im Niedrig-/Billiglohnsektor. 3 Millionen davon kommen nur mit staatl. Leistungen nach ALG II über die Runden. Das bißchen "Aufschwung" das uns bleibt, wird zZt auf den internationalen Produkt- und Finanzbörsen verspekuliert. Dadurch steigen die Preise und fressen die paar Prozent Lohn- und Rentenerhöhung wieder auf, um die Lohnabhängige und Rentner hart kämpfen mußten.

 

01.08.2008 22:30
Autor: H.Fritzsch

Ob man der Meinung ist, die Aussage von Wolfgang Clement sei parteischädigend oder . nicht, spielt keine Rolle. Die demokratisch garantierte Meinungsfreiheit muß an ERSTER Stelle stehen!! Clement ist ein überzeugter Sozialdemokrat, der mit Sorge sieht, wie sich diese Partei zu weit nach links bewegt. Auf so einen Mann kann die SPD gar nicht verzichten, ein Ausschluß aus der Partei kann doch in unserer DEMOKRATIE nicht im Ernst erwogen werden (in der DDR wäre es die Normalität gewesen!) Zumal Clement ja sogar Recht hatte mit seiner Warnung vor Frau Ypsilanti. Sie hat mit WORTBRUCH noch zur Regierung gelangen wollen und hat das Vertrauen der Wähler verspielt. Sie ist verantwortlich für das Abrutschen der SPD. Vielleicht sollte die Partei ihr Augenmerk mehr auf diese Frau richten wegen parteischädigenden Verhaltens?

 

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