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Firma im Fokus

Den Ahnen auf der Spur

Foto: Kraufmann

Pro Heraldica in Stuttgart erforscht Stammbäume und entwirft Familienwappen
 

Mal ist das Blut königlich blau, mal so gewöhnlich, dass man es lieber nicht gewusst hätte: Wer sich auf die Suche nach seinen Vorfahren begibt, muss mit Überraschungen rechnen. Die Stuttgarter Firma Pro Heraldica ist in fast 40 Jahren manchem Geheimnis auf die Spur gekommen.

Sogar der Hund hat eine eigene Ahnentafel: Thront Rhodesian-Ridgeback-Hündin Gin-ka auf ihrem Kissen, zweifelt man keine Sekunde an ihrer Blaublütigkeit. Tatsächlich war die Ahnentafel, die über Ginkas Fressnapf hängt, ein Scherz von Frauchen Petra Vetter - bei der Herkunft hat sie sich allein auf die Angaben des Züchters verlassen.

Das kann Pro Heraldica besser: Wer die Firma mit Sitz in Stuttgart-Degerloch mit der Erforschung seiner Familiengeschichte beauftragt, braucht zweierlei: Geduld und Geld. Mit Glück lassen sich Lebensgeschichten bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen, dabei vergehen schon mal ein bis drei Jahre. Weitere sechs Monate benötigt Pro Heraldica um das gesammelte Material zu einer Familienchronik zusammenzufassen, an der auch der Auftraggeber mitwirken darf. Anders als andere oftmals dubiose Genealogie-Anbieter verlässt sich die Stuttgarter Firma nur auf Informationen, die per Dokument belegbar sind, dafür wälzt ein Mitarbeiter notfalls tage- und wochenlang Kirchenbücher und Standesamt-Akten. Lässt sich kein schriftlicher Beweis mehr ausfindig machen, weil ein Archiv im Krieg niedergebrannt wurde, endet die Suche. "In Asche können auch wir nichts mehr finden", sagt Petra Vetter, kaufmännische Leiterin bei Pro Heraldica.

Die Deutsche Forschungsgesellschaft für Heraldik und Genealogie, wie die Firma korrekt heißt, gibt es seit über 36 Jahren, gegründet hat sie der Wappenkundler Ottfried Neubecker. Der gebürtige Berliner, der dieses Jahr 100 Jahre geworden wäre, gilt als einer der bekanntesten Heraldiker des 20. Jahrhunderts, seine Wappen- und Schriftensammlung ruht noch heute in den Degerlocher Firmenräumen. Deren heutiger Chef Harald Heimbach, der die Gesellschaft vor einigen Jahren übernommen hat, bewahrt dort rund 110 000 Familiensiegel auf - laut Petra Vetter die weltweit größte Sammlung dieser Art. Die Wappenkunst ist neben der Ahnenforschung das zweite Standbein von Pro Heraldica, im Kundenauftrag suchen die Historiker nach existierenden Familienwappen oder entwerfen neue. Letztere werden je nach Wunsch auf Briefpapier, das Hochzeitsservice oder den hochwertigen Siegelring aufgebracht.

Die Suche nach der Vergangenheit bezahlt sich nicht aus der Portokasse, 2000 Euro beträgt allein das Grundhonorar der Ahnenforscher. Danach wird erfolgsabhängig abgerechnet, je weiter sich ein Stammbaum zurückverfolgen lässt, umso teurer wird es. "Bei sehr erfolgreicher Ahnenforschung geht das auch in den fünfstelligen Bereich", sagt Vetter - ein solches Beispiel ist die Geschichte des Firmenchefs selbst, die ganze zwölf Generationen zurückreicht. Die entsprechende "Familienchronik Heimbach" umfasst knapp 400 Seiten.

Trotz der stolzen Kosten ist Pro Heraldica gut im Geschäft, vor allem in den letzten Jahren zieht die Nachfrage an. "Zu uns kommen Menschen, die auf der Suche nach einem Wert sind", sagt Vetter. Interessierten sich noch vor zehn Jahren zumeist Rentner für ihre Herkunft, sind viele Kunden heute zwischen 30 und 40. In der schnelllebigen und international immer stärker verflochtenen Zeit "finden viele Halt in der Familie", sagt Vetter. Ein Stammbaum oder ein Ring mit Familienwappen sind mittlerweile beliebte Hochzeits- oder Geburtstagsgaben. Keineswegs nur bei den oberen Zehntausend: Zu den 15 000 Pro-Heraldica-Kunden zählen freilich zahlreiche Adlige, Gründerfamilien wie die von Porsche, Daimler und Benz sowie namhafte Politiker. Aber auch immer mehr Normalverdiener, darunter ein Hafenarbeiter aus Hamburg, der sich den Siegelring in monatlichen Raten vom Lohn abspart. Vor allem das Interesse an den Familienemblemen hat zuletzt stark zugenommen, sagt Vetter. Seit Hunderttausende Fans bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 Deutschlandflaggen geschwenkt haben, scheint es "wieder politisch korrekt, stolz auf sich zu sein".

Das neue Selbstbewusstsein zeigt sich auch bei wenig schmeichelhaften Rechercheergebnissen. Immer wieder stoßen Pro-Heraldica-Mitarbeiter auf Verbindungen zum Naziregime, mancher Kunde erfährt erst durch die Stuttgarter Firma, dass er keineswegs - wie angenommen - von einem Adelsgeschlecht, sondern von einfachen Handwerkern abstammt. Mal decken die Forscher Dramen auf, mal Erfreuliches: die Familienbande zu einer peruanischen Inkaprinzessin; die Ahnenreihe, in der über Jahrhunderte Henker und Priester dominieren; die Abschiedsworte einer inhaftierten, vermeintlichen Hexerin. Selbst bei dunklen Flecken in der Vergangenheit - "die meisten betrachten das als eine Tatsache, die mit ihnen persönlich nichts zu tun hat", sagt Vetter. Das hat der Ex-Baulöwe Jürgen Schneider, der nach einer Milliardenpleite mehrere Jahre im Gefängnis saß, offenbar auf die Gegenwart bezogen: Anfang der 90er Jahre beauftragte er Pro Heraldica mit einem aufwendig gezeichneten Stammbaum. Kaum war das Kunstwerk fertig, war Schneider untergetaucht. Bis heute ziert die Ahnenreihe der Familie (siehe unteres Foto) den Besprechungsraum in Degerloch.

So faszinierend die Vergangenheit ist - zum Vorbild taugt sie nicht immer. "Georg Heimbach trinkt viel und tut seine Arbeit nicht" - diese Notiz fand sich über einen Vorfahren des Firmenchefs. Der lachte herzlich darüber - berät jedoch so viele Kunden wie eh und je und will zu den jetzigen 34 weitere vier bis fünf Mitarbeiter einstellen.
 

Petra Otte

01.08.2008 - aktualisiert: 01.08.2008 17:17 Uhr

 



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