Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 07.08.2008
Küss mich bitte!
Als wären Gefühle Möbelstücke
Als Julie ihrem besten Freund Nicolas gestattet, sie zu küssen, gerät beider Leben völlig aus den Fugen - dabei wollte der einsame Nicolas doch nur ein bisschen körperliche Nähe. Unverfänglich, versteht sich, was natürlich nicht funktionieren kann - denn niemand weiß ja vorher, was ein Kuss auslösen wird. Das ist das Thema des französischen Regie-Talents Emmanuel Mouret, 38, der in "Küss mich bitte!" gleich noch die Hauptrolle spielt.
Nicht nur deswegen sehen Cineasten in aller Welt Parallelen zu Woody Allen, vermischt mit einem kräftigen Schuss Eric Rohmer. Beides stimmt - zur Hälfte. Es ist kaum auszuhalten, wie die Figuren sich selbst in die Tasche lügen und die größten erklärerischen Verrenkungen machen, um sich voreinander für Unverzeihliches zu rechtfertigen - etwa eine Affäre fortzusetzen unter dem Vorwand, ein Irrtum werde durch Wiederholung eindeutiger und erledige sich von selbst. Diese Art der Selbstmanipulation, die viele Menschen aus eigener Erfahrung kennen, ist auch ein Lieblingsspielplatz Woody Allens; die ungezügelten Leidenschaften dagegen, die sehr französisch über die rein herzgesteuerten Filmfiguren hereinbrechen, erinnern bisweilen an Rohmer.
Mouret verbindet beides zu einem Spielfilm mit Kammerspiel-Anmutung, ohne freilich die Klasse eines der beiden Vorbilder zu erreichen. Er hat peinliche Situationen auf der Bettkante zu bieten, er lässt seine Figuren immer neue, scheinbar verträgliche Lösungen konstruieren, die allen Betroffenen die Verlogenheit verträglich gestalten sollen, worauf alles nur immer schlimmer wird.
Die schauspielerische Anlage zerfällt dabei in zwei Teile. Die Verschwörer, Mouret als Lehrer Nicolas und seine Hauptdarstellerin Virginie Ledoyen als Chemikerin Julie, hantieren als lakonische Bildungsbürger mit ihren eigenen Gefühlen und jenen ihrer Mitmenschen, als handle es sich um Möbelstücke in einer Wohnung: Stellt man sie nur oft genug um, wird es irgendwann schon behaglich werden. Die nicht Eingeweihten, Julies stets fröhlich-vertrauensseliger Ehemann Claudio (Stefano Accorsi) oder Nicolas' unbedarfte Liebschaft Câline (Frédérique Bel), sind von herzerfrischend kindlicher Unverstelltheit. Sie lieben das Leben und sind schockiert, als sie die Abgründe erkennen.
Mitunter ist Mouret dem Charme seiner Idee erlegen und hat den Bogen etwas überspannt. Auch kann er nicht immer überspielen, wie naiv die Grundfrage eigentlich ist: Kaum vorstellbar, dass Menschen über 30 mit Ausstrahlung, die aussehen wie Ledoyen und Mouret, nicht wissen sollen, dass jeder Kuss unabsehbare Folgen haben kann.
Bernd Haasis
07.08.2008 - aktualisiert: 07.08.2008 11:53 Uhr