Die größten Tunnelbohrmaschinen der Welt kommen aus Baden
Allmannsweier - In der badischen Provinz baut der Mittelständler Herrenknecht riesige Tunnelbohrmaschinen für die ganze Welt.
Es ist die Zeit, die für Martin Herrenknecht spielt. Erstmals in der Geschichte lebten im Jahr 2007 mehr Menschen in Großstädten als auf dem Land, und es werden immer mehr, die in die schnell wachsenden Metropolen drängen. Wohin aber sollen die Städte wachsen? In die Höhe? Davon profitieren Baukonzerne und Architekten. Nach unten? Davon profitiert der badische Tunnelbauspezialist Herrenknecht. "Die Welt geht unter die Erde", sagt Unternehmensgründer Martin Herrenknecht. "Und wir machen das möglich."
Bescheidenheit ist nicht das Ding des 66-jährigen Tunnelbaupioniers. Warum auch? Das Werksgelände im badischen Allmannweier bei Offenburg platzt aus allen Nähten. In Mittlerweile neun riesigen Werkhallen arbeiten rund 1900 Mitarbeiter teilweise im Schichtbetrieb. Im vergangenen Jahr haben Kunden in aller Welt bei den Badenern erstmals Tunnelbohrer für über eine Mrd. Euro bestellt. 85 Prozent der Großmaschinen werden unter Städten eingesetzt, kernen Metro-Tunnel oder Abwasserleitungen aus. Allein 100, der rund 140 derzeit eingesetzten High-Tech-Geräte wühlen sich durch chinesische Erde. Die Tunnelvortriebstechnik aus der beschaulichen Rheinebene ist gefragt.
Das war nicht immer so. Als Martin Herrenknecht im Jahr 1977 seine Firma gründete, war maschineller Tunnelvortrieb mit Bohrern ein Fremdwort. Ein Jahr habe es damals gedauert, bis er seinen ersten Auftrag an Land gezogen habe, sagt Herrenknecht. Tunnelbauen hieß damals in erster Linie, viel Dynamit, viel Bagger-PS und viel vergossener Schweiß am Presslufthammer.
Dass sich ein raupenähnlicher Lindwurm mit einem gemächlich rotierenden Bohrkopf einmal durch harten Granit fressen könnte, hielten die wenigsten damals für machbar. Herrenknecht dagegen sah das Potential der Methode und investierte in die technische Umsetzung. Bis Ende der 80er Jahre hatten seine Ingenieure sowohl die Technologie für Micro-Tunnelbohrer - wie sie etwa zum Bau von Abwasserkanälen benötigt werden - als auch für Riesengeräte mit zehn Metern Durchmesser im Griff.
Der Durchbruch kam aber, als die Badener Mitte der 90er den Auftrag für den Bau der vierten Röhre des Hamburger Elbtunnels erhielten. Schon mit konventioneller Technik galt das Projekt als Herausforderung. Dass Herrenknecht das Loch mit dem damals größten Tunnelbohrer der Welt vortrieb, war für die Tiefbauspezialisten die Weihe für höhere Aufgaben. Nur sieben Meter unter der Sohle der Elbe wühlte sich ihr 14,2-Meter-Bohrschild durch den schlüpfrigen Grund. Nachgeschaltete Spezialmaschinen kleideten die Wände mit druck- und wasserdichten Betonplatten aus, so dass die Baustelle nicht geflutet wurde. "Fabrikmäßiger Tunnelbau", nennt Martin Herrenknecht das Verfahren heute.
Was damals noch fehlte, war der endgültige Beweis, dass sich die Maschinen, von denen jede so lang wie ein kleiner Güterzug ist, auch durch massiven Fels vorarbeiten konnten. Um den letzten technologischen Quantensprung zu realisieren, kehrte Herrenknecht an seine Wurzeln zurück - in die Schweiz. Als junger Ingenieur hatte er am Seelisbergtunnel sein Handwerk gelernt. Jetzt ein knappes Vierteljahrhundert später, konnte er nur wenige Kilometer entfernt, am Gotthard-Basistunnel, beweisen, dass seine Maschinen auch über 50 Kilometer Gneis, Granit und Schiefer standhielten. Wenn die Schweizer der Technologie vertrauten, so sein Credo damals, dann tue es jeder. Bisher hat sich das Vertrauen ausgezahlt. Seit knapp sechs Jahren fressen sich insgesamt vier Bohrer durch den Stein - bisher ohne größere Verzögerungen. Viele Metaphern sind seit Baubeginn im Jahr 2002 für das Megaprojekt bemüht worden, etwa die, dass sich jetzt badischer "Heavy Metall" durch Schweizer "Hard Rock" bohre.
Herrenknecht, schmunzelt bei derlei Lorbeeren zumal er seitdem von seinen Mitarbeitern "King of Hard Rock" genannt wird. Sein Unternehmen ist mittlerweile Weltmarktführer beim Ausbohren von Tunneln und gerade entsteht ein Bohrgigant mit 19 Metern Durchmesser. Herrenknecht selbst ist durch seine innovativen Ideen und seine "Geht-nicht-gibt's-nicht-Mentalität" sehr reich geworden. Rund 87 Prozent der Unternehmensaktien hält er selbst, sieben Prozent die Familie und gut fünf Prozent die Herrenknecht AG. Dennoch denkt Herrenknecht darüber nach, einen Teil seiner Firmenanteile abzugeben. Bis zu 20 Prozent sei er bereit, an einen langfristigen Investor zu verkaufen. Das Geld soll seine neuen Wachstumsprojekte befeuern - den Pipelinebau und vor allem die Geothermie. "Das ist ein gewaltiger Markt", sagt er. Wenn die Energiepreise in der jetzigen Höhe blieben, so seine Prognose, werden immer mehr Eigenheimbesitzer die Erdwärme anzapfen. "Und dann sind wir bereit", sagt er. Mit einem "Komplettangebot für den gewöhnlichen Häuslebauer."
In zwei Tochtergesellschaften wird die Tiefbohrtechnologie gerade perfektioniert. Als Referenz steht auf dem Werksgelände ein Gebäude, das geothermisch beheizt und gekühlt wird. Nebenbei erinnert die Architektur frappierend an das Berliner Kanzleramt. Eine Anspielung auf künftige politische Weihen? Nein! In die Politik will Martin Herrenknecht nicht. Der Titel "King of Hard-Rock" genüge ihm vollauf.
INFO: Der Mittelständler Herrenknecht ist in den vergangenen Jahren enorm gewachsen. Zwischen 2001 und 2007 haben sich die Umsätze fast verdreifacht – auf zuletzt 838 Mio. Euro. 2007 überschritt der Auftragseingang erstmals die Schwelle von einer Mrd. Euro. Zum Konzern zählen 41 Tochterunternehmen und acht Beteiligungen weltweit. Seit gut zwei Jahren widmet sich der 1977 gegründete Spezialist für große Tunnelbohrer auch den geschäftsfeldern Pipelinebau und Geothermie.