Anlagenspezialist aus Ludwigsburg baut weltgrößte Brauerei in Mexiko mit 30 Millionen Hektoliter Ausstoß
Wo immer auf der Welt Bier hergestellt wird, der Brauereianlagenspezialist Ziemann aus Ludwigsburg ist fast immer mit von der Partie - das reicht von Becks in Bremen über Heineken in den Niederlanden bis zu Budweiser in den USA.
Auch Corona-Bier in Mexiko, Tsingtao in China und Baltika aus Russland werden mit dem Know-how der Schwaben produziert. Ziemann plant und baut komplette Anlagen, liefert aber auch einzelne Komponenten wie Sudhaus oder Gärtanks. Auch der Auftrag für die größte Brauerei der Welt, die derzeit in Mexiko entsteht und die in der Endphase einmal jährlich 30 Millionen Hektoliter Corona-Bier - also drei Milliarden Liter - brauen wird, hat Ziemann an Land gezogen.
Ein interessanter Markt für den schwäbischen Mittelständler - nicht nur weil das mexikanische Bier in Amerika verkauft wird. Mit einem jährlichen Bierverbrauch von 51 Litern pro Kopf liegt Mexiko an zweiter Stelle in Lateinamerika, hinter Venezuela (80 Liter) und vor Brasilien (48) Liter. Zum Vergleich: In Deutschland liegt der durchschnittliche jährliche Pro-Kopf-Verbrauch bei 115 Litern, Tendenz weiter fallend, während andere Biermärkte zulegen. "Und wo es Zuwächse gibt, entstehen auch neue Brauereien", sagt Ziemann-Geschäftsführer Joachim Gunkel. Vor allem in Lateinamerika und in Asien nimmt der Bierdurst zu.
Ludwigsburg ist heute der wichtigste Standort der Unternehmensgruppe - hier wird geforscht und entwickelt, hier laufen die Fäden in Sachen Einkauf, Logistik, Vertrieb und Verwaltung zusammen. Was vor mehr als 150 Jahren als kleine Kupferschmiede begonnen hatte, hat sich mittlerweile zu einem internationalen Konzern entwickelt.
1852 hatte August Andreas Ziemann das Unternehmen im benachbarten Stuttgart-Feuerbach als Kupferrohrschmiede gegründet. Später zog das Familieunternehmen nach Ludwigsburg um, wo über Jahrzehnte Gefäße für die bedeutendsten Brauereien auf der ganzen Welt hergestellt wurden. So stehen beispielsweise noch Sudgefäße und Tanks made in Ludwigsburg in Zacatecas/Mexiko, der zurzeit noch größten Braustätte der Welt, wo jährlich 22 Mio Hektoliter Corona-Bier produziert werden. Die größte deutsche Brauerei stellt gerade mal knapp sechs Millionen Hektoliter im Jahr her.
"Von der Kupferschmiede hat sich Ludwigsburg längst zur Ideenschmiede entwickelt", sagt Gunkel. Technik und Technologie der Brauereianlagen haben sich rasant weiterentwickelt, vom Kuper zum Edelstahl, vom handbetriebenen Sudwerk zur vollautomatischen Brauerei. In der Pilotanlage in Ludwigsburg wird an neuen Technologien, Verfahren und Rezepten getüftelt und freilich auch schon mal das eine oder andere Versuchsbierchen gezapft - noch unfiltiriert, doch die nächste Erweiterung unter anderem in eine Filtration steht schon an, dabei wurde erst Anfang Juni ein neues Verwaltungsgebäude eingeweiht.
Produziert wird am Stammsitz seit Anfang 2000 nicht mehr, die Produktion wurde an andere Standorte ausgelagert - unter anderem nach Bürgstadt, wo die großen Tanks und Anlagen direkt auf den Main verschifft werden können. Allein im letzten Jahr wurden dort rund 10000 Tonnen Edelstahl verarbeitet. Weitere Produktionswerke hat Ziemann in Frankreich, Brasilien, China und Mexiko. Mittlerweile beschäftigt die Unternehmensgruppe mehr als 1100 Mitarbeiter, davon knapp 200 am Stammsitz Ludwigsburg. Weiteres Wachstum ist programmiert. Allen voran Indien, wo im September in Pune ein neues Werk die Produktion aufnehmen soll.
Indien ist ein Wachstumsmarkt. Zwar liegt der Pro-Kopf-Verbrauch an Bier gerademal bei einem Liter pro Jahr, doch die junge Bevölkerung in den Großstädten orientiert sich am westlichen Konsumverhalten. "Junge Inder, die in Banken arbeiten", nennt Ziemann-Sprecher Jörg Rositzke ein Beispiel. Wenn sich hier der Verbrauch auf zwei Liter pro Kopf verdopple, bedeute das mindestens fünf neue Brauereianlagen. Zur Zeit baut Ziemann in Indien neue Braustätten für den weltweit operierenden Braukonzern SAB Miller.
Veränderte Trinkgewohnheiten kommen dem schwäbischen Mittelständler auch auf dem russischen Markt entgegen, wo mittlerweile weniger Wodka und dafür mehr Bier getrunken wird. Die neue Brauereianlage von Ziemann bei Moskau hat beispielsweise einen Ausstoß von sechs Mio. Hektoliter. Entsprechend dominiert bei Ziemann das Auslandsgeschäft, aufs Inland entfallen gerademal fünf Prozent des Umsatzes von insgesamt rund 400 Mio. Euro. Dennoch werden auch in Ludwigsburg neue Mitarbeiter gesucht. "Am liebsten Bierbrauer, die auch noch Verfahrenstechnik studiert haben", sagt Rositzke.
Etliche Absolventen der Bierakademie Weihenstephan sind im Unternehmen beschäftigt. Denn das Verständnis für den Brauprozess ist bei dem Anlagenhersteller wichtig. So haben die Ziemänner auf der Ludwigsburger Pilotanlage schon Versuche mit Sorgum gefahren - ein Produkt, das Hirse ähnelt und beispielsweise in Afrika verwendet wird. Manche Brauereien verwenden auch Reis. Tsingtao-Bier etwa hat einen hohen Reisanteil, während Mexikaner und Brasilianer verstärkt auf Mais setzen. "Biere und Rezepturen sind an den Landesgeschmack angepasst", sagt Rositzke. Mais lässt sich anders verarbeiten als Braugerste.
Manchmal gehören sogar Unternehmen zu den Ziemann-Kunden, die keinerlei Brauerfahrung haben. "Denen erklären wir dann den Brauprozess, liefern bei Bedarf auch das Rezept mit", sagt Rosiztke. Zuletzt war das der Fall für einen vietnamesischen Milchkonzern, der ins Biergeschäft einsteigen wollte, weil dort die Zuwachsraten zweistellig sind.