Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz, Österreich, geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin.
Begleitet seit über 20 Jahren als Schriftsteller und Mitglied des Chaos Computer Clubs die Entwicklung der digitalen Welt.
Glasers Netzkolumne - aus der STZ vom 13.08.2008
Bereits im Mai war im britischen Parlament eine Debatte darüber ausgebrochen, wie Kinder und Jugendliche vor den Abgründen der neueren Medien - namentlich TV und Internet - geschützt werden können. Einer langjährigen Übereinkunft zufolge werden im englischen Fernsehen Sendungen, die für Kids nicht geeignet sind, erst nach 21 Uhr gezeigt. Konservative Parlamentarier waren zu der Ansicht gelangt, die 21-Uhr-Grenze "sei tot" - und schuld daran sei das Internet.
16 Prozent der fünf- bis siebenjährigen Inselbewohner verfügen in ihrem Kinderzimmer über einen eigenen Computer mit Internetverbindung. Da immer mehr Fernsehsender auch ihre Spätprogramme auf Abruf im Internet anbieten, können nun auch Kinder jenseits von Uhrzeitbeschränkungen auf Programme aller Art zugreifen. Kontrollabfragen lassen sich etwa schlicht durch Anklicken eines Kästchens überspringen ("Ich bin älter als 16"). Die Regulierungsbehörde sah die Eltern in der Pflicht. Allerdings, so Behördensprecher Stewart Purvis, seien Erziehungsberechtigte durch die neuen Technologien "auf gewisse Weise ins Hintertreffen geraten", da viele beispielsweise nicht wüssten, wie man die verfügbaren Zugangssperren für die Erwachsenenprogramme benutzt.
Nun gibt es einen kurios erweiterten Regulierungsvorschlag: jugendgefährdende Inhalte sollen auch im Netz mit einer Kennzeichnung versehen werden, die der 21-Uhr-Grenze entspricht. Kurios ist der Vorschlag auch deshalb, weil er sich gegen die zentrale Wachstumsrichtung der modernen Medien zu stellen versucht: die Entwicklung zur Permanenz.
Online gibt es keinen Sendeschluss mehr, keinen Ladenschluss, keine Sperrstunde. Die elektronischen Medien entwickeln sich schon lange auf einen Zustand der Ständigkeit hin. Sie versuchen sich in Umweltbedingungen zu verwandeln - etwas, das überall und immer da ist. Der Sonnenaufgang bedeutet nichts mehr.
Irgendwo auf der Welt, sagt der Mann aus dem CNN-Newsroom, geht immer gerade die Sonne auf. Früher öffnete sich einmal pro Abend mit der "Tagesschau" das Nachrichtenfenster in die Welt, heute fließen unausgesetzt Ströme an Unterhaltung und Information. Das erste Medium, das rund um die Uhr sendete, war das Radio. Im Fernsehen der fünfziger und sechziger Jahre gab es zwischen Nachmittags- und Abendprogramm noch sendefreie Stunden. Nach Einführung des Frühstücksfernsehens in den Neunzigern schlossen die TV-Sender die verbliebenen Nachtlücken.
So sonderbare Dinge wie "Testbild" oder "Sendeschluss" kennen junge Mediennutzer nicht. Zunehmend verlegt die Permanenz sich nun auf Programmstrukturen und Inhalte. Es gibt nicht mehr nur abends eine "Tagesschau", sondern Nachrichten - und Angebote aller Art - rund um die Uhr.
Mit Methoden aus den Sechzigern, als Kinder aus dem Wohnzimmer geschickt wurden, wenn die Ansagerin verkündete, der folgende Film sei für Jugendliche unter 16 Jahren nicht geeignet, lassen sich im Internetzeitalter keine Punkte sammeln. Am ehesten wird eine solche Initiative auf einer Website in der Art des Testbild-Museums landen - als Kuriosum.