Das Verkehrs- und Städtebauprojekt Stuttgart 21 hat Konsequenzen weit über Finanzfragen hinaus – Ein Blick auf den Denkmalschutz
Stuttgart - Wir erleben derzeit wie Dresden seine Würde als Weltkulturerbe durch einen fragwürdigen Brückenbau aufs Spiel setzt. Mit dem Hauptbahnhof und seiner Umgebung steht uns in Stuttgart Ähnliches auf anderer Ebene bevor. Martin Decker-Hauff fragt voller Skepsis zu Beginn seines großen Buches über Stuttgarts Geschichte: Was ist uns Stuttgart? Was für ein Geist steckt in dieser Stadt? Muss es bald lauten: Was war uns Stuttgart?
Von Roland Ostertag Da tobte im Krieg und danach der Abrissfuror in dieser Stadt, der Stadtgrundriss wurde zerstört und damit das Gedächtnis, die Erinnerung der Stadt. Nicht nur das Kaufhaus Schocken, das Kronprinzpalais wurden abgerissen, auch weniger bekannte, ebenso wichtige Gebäude, zum Beispiel das Steinhaus, ältestes Haus der Stadt, das Haus des Kunstvereins, beide zugunsten weniger Parkplätze, die Ruine des Rathauses, die Akademie hinter dem Schloss, große Teile des Bohnen-, des Heusteig-, des Gerber-, des Hospitalviertels, der Fritz-Elsas-Straße. Mit Mühe konnten der Abriss des Alten Schauspielhauses und des Bosch-Areals verhindert werden. Der Abrissfuror setzte sich bis in die Gegenwart fort, genannt seien Gebäude an der Neckarstraße, das Wulle-Areal, denkmalgeschützte Häuser an der Willy-Brandt-Straße und an der Hermannstraße sowie der Gaskessel. Dazu droht die Ruine des neuen Lusthauses, einer der bedeutsamsten Hoch-Renaissance-Bauten nördlich der Alpen, vollends zu verfallen.
Zur Diskussion stehen nun der Hauptbahnhof von Bonatz und seine Umgebung, letztes stadtprägendes Ensemble neben der Traditionsinsel um den Schillerplatz, dem Kulturquartier zwischen Staatsgalerie und Kunstmuseum. Wichtig ist die Erkenntnis, dass es nicht nur um den Hauptbahnhof geht, dass von einem Ensemble die Rede sein muss. Es geht in der Sprache des Denkmalschutzes um eine "Sachgesamtheit". Um diese zu verstehen, ist es wichtig, die einzelnen Punkte zu benennen - in der Reihenfolge und Bezeichnung gemäß Landesdenkmalamt:
Bundesbahndirektion, das Direktionsgebäude der Königlich Württembergischen Staatseisenbahn von 1911/13,Kulturdenkmal gemäß Paragraf 2 des Denkmalschutzgesetzes (DSCHG). Von der letzten noch vorhandenen spätwilhelminischen vierflügeligen Repräsentationsarchitektur soll nur die Fassade mit ihrem spätbarocken beziehungsweise spätklassizistischen Fassadenschmuck und das Treppenhaus bestehen bleiben.
Hauptbahnhof, Kulturdenkmal von "besonderer Bedeutung" gemäß Paragraf 12 DSCHG.
Gleisanlagen, mit Lokomotivbahnhof, Wagenhalle, Trasse der Gäubahn als Sach- gesamtheit, Kulturdenkmal gemäß Paragraf 2 DSCHG.
Mittlerer Schlossgarten, Grünflächen und Wasseranlagen, Kulturdenkmal gemäß Paragraf 2 DSCHG.
Folgende Kulturdenkmale nach Paragraf 2 DSCHG müssen verlegt werden:
- Eberhardsgruppe des Bildhauers Paul Müller von 1881, die den im Schoße eines Hirten ruhenden Grafen Eberhard im Bart darstellt
- Denkmal für das Württembergische Grenadierregiment Königin Olga, das das Wappentier des Herzogtums Schwaben darstellt
- Franz-Liszt-Denkmal des Bildhauers Adolf Fremd.
- Gebäude Willy-Brandt-Straße 31, 45, 47, 57, vor allem Nr. 47, Kulturdenkmale gemäß Paragraf 2 DSCHG wurden bereits vor Jahren "auf Vorrat" abgerissen.
"Bei folgenden Kulturdenkmälern", sind laut Landesdenkmalamt, "Bauschäden aufgrund der Bauarbeiten zu erwarten":
- Willy-Brandt-Straße 8 und 12, Kulturdenkmale gemäß Paragraf 2 DSCHG
Insgesamt ist von einem dichten, selten anzutreffenden Netz stadtkonstituierender, unter Denkmalschutz stehender, historisch bedeutsamer Gebäude, Gartenanlagen und Skulpturen zu sprechen. Doch es geht nicht nur um die materiellen Elemente. Es geht um die Räume, die Zwischenräume. Man kann sie nicht unter Denkmalschutz stellen, und doch ist das Dazwischen, ist der Stadtraum meist das Wesentliche, der eigentliche Träger öffentlichen Lebens. Erst im Dialog des schützenswerten Einzelnen mit den Zwischenräumen entwickelt sich das Gesamtkunstwerk Stadt.
Um den Hauptbahnhof und Schlossgarten besitzt Stuttgart noch ein derartiges Geflecht. Dort wird Stuttgart noch ganz Stuttgart. Dort geht es um die Raumfolgen, um Übergänge. Erfahrbar werden die "Stadttore" zwischen Heilbronner Straße beziehungsweise Neckarstraße und Innenstadt, den früher Fußgängern vorbehaltenen Bahnhofsvorplatz, den Kurt-Georg-Kiesinger-Platz, den Bereich zwischen Hauptbahnhof und Schlossgarten und Königstraße, den inneren Bahnhofsbereich zwischen dem Hauptbahnhof und seinen Flügeln. Diese stadtprägenden Räume und Raumfolgen sind wohl durch Planung, den Verkehr, durch Missachtung stark reduziert und beschädigt. Sie sind jedoch noch vorhanden, sind noch erkenn- und erlebbar.
Und dies zeichnet sich ab: Die entstehenden großen Flächen zwischen den Resten der Bundesbahndirektion, Landesbank-Hauptverwaltung und Bahnhofshaupthalle werden diffus, die Beziehungen zwischen Bahnhof und Schlossgarten werden "normalisiert", die Öffnung des "Kessels" zwischen den beiderseits begleitenden Höhen in das Neckartal, wesentliches, den Charakter Stuttgarts prägendes Merkmal, wird durch die Querlage des aufgewölbten unterirdischen Bahnhofs und des flügelberaubten Bahnhofs gestört und zerstört, der Schlossgarten wird durch einen nicht überschaubaren, baumlosen Wall geteilt. Als Ergebnis droht insgesamt der unwiederbringliche Verlust des kollektiven Gedächtnisses des Stadtraumganzen.
Äußeres Zeichen dieses Verlustes wird der Verlust der Denkmaleigenschaft sein, der Sachgesamtheit, des gesamten Ensemble und der einzelnen Gebäude/Elementen. Die schriftlichen Stellungnahmen, die Bedenken des Landesdenkmalamts Baden-Württemberg zu den Planfeststellungsunterlagen zum Planungsabschnitt 1.1 sind an Deutlichkeit nicht zu überbieten.
Zur Bundesbahndirektion: "Gegen den Abbruch werden erhebliche Bedenken erhoben. Die Denkmaleigenschaft des Restgebäudes geht verloren."
Zum Hauptbahnhof (Bonatzgebäude): "Die vorgesehenen Abbrüche und Eingriffe in die Substanz des Kulturdenkmals Hauptbahnhof führen aus denkmalfachlicher Sicht zu einer maßgeblichen Minderung des Denkmalwerts und zu einer Löschung des Kulturdenkmals von besonderer Bedeutung im Denkmalbuch (Ergebnisprotokoll vom 16. Juni 1998)."
Zu den Gleisanlagen: "Wird in seiner ingenieurtechnischen Bedeutung zerstört."
"Als Sachgesamtheit wird der Hauptbahnhof seine Kulturdenkmaleigenschaft mit den geplanten Änderungen verlieren."
Zum Mittleren Schlossgarten: "Die vorgesehenen Eingriffe in den Südteil des Mittleren Schlossgartens stellen eine erhebliche Beeinträchtigung des Kulturdenkmales Oberer und Mittlerer Schlossgarten dar. Die bei Stuttgart 21 neu gestalteten und zugewonnenen Flächen werden nicht Bestandteil der Sachgesamtheit."
Wenig tröstlich ist, dass zu den Kulturdenkmalen im Mittleren Schlossgarten "Bedenken gegen die Verlegung zurückgestellt" werden. Bedenklich ist, dass das Landesdenkmalamt zu den Gebäuden Willy-Brandt-Straße 31, 45, 47, 57 nach rechtswidrigem vorgezogenen Abbruch ganz schweigt.
Und doch: Es stimmt nicht, dass, wie gerne kolportiert wird, der Denkmalschutz keine Bedenken erhoben hat. Im Planfeststellungsbeschluss vom 28. Januar 2005 werden aber die denkmalpflegerischen und städtebaulichen Bedenken stereotyp mit Formulierungen abgelehnt. "Das öffentliche Interesse des beantragten Vorhabens", heißt es dort, "überwiegt nicht nur die Belange des Denkmalschutzes, sondern auch das städtebauliche Interesse an einem uneingeschränkten Erhalt der Gesamtanlagen." Damit gehen nicht nur bedeutende Kulturwerte durch Abriss von Gebäuden und Eingriffe in Gebäude, Gartenanlagen und Skulpturenensembles verloren. Vielmehr verliert der gesamte Bereich, die Sachgesamtheit, die Kulturdenkmaleigenschaft und damit seinen kulturellen, historischen, letztlich Stuttgart-spezifischen Charakter und Wert.
Mit dem Entzug der Außen- und Innenbilder, mit dem Verlust der Erzählfähigkeit, der "Texte" vergegenständlichter Geschichte entsteht eine ortlose, entleerte, entzauberte Welt. Mit den Orten werden den Menschen das Gedächtnis, ihre Erinnerung, ihre Geschichte geraubt. Wir Menschen bestehen aus Bildern und aufgrund von Bildern. In ihnen und durch sie sind und werden wir. Wir erinnerten uns an nichts, würden wir unsere Bilder verlieren. Ohne sie gäbe es die Welt nicht, gäbe es auch uns nicht. Die unverwechselbaren Orte und Bilder einer Stadt, die im kollektiven Gedächtnis niedergelegte erinnerte Vergangenheit, sind die besten Begleiter aus dem Einst in das Demnächst, von der Vergangenheit und aus der Gegenwart in die Zukunft.
Friedrich Nietzsche hielt die Frage, bis zu welchem Grade das Leben den Dienst der Geschichte brauche, für "eine der höchsten Fragen und Sorgen in Betreff eines Menschen, eines Volkes, einer Kultur". Volker Braun, einer der wichtigsten deutschen Schriftsteller, fragt seine Dresdner Mitbürger angesichts der drohenden Gefahr, durch die Realisierung der Waldschlösschenbrücke den Welterbe-Status zu verlieren, nach dem Dresdner Geist, der Dresdner Denkart. Gilt diese Frage nicht auch für Stuttgart? Die Dresdner Denkart, ist Volker Braun überzeugt, fordert Recht auf "Anmut und Würde". Diese Frage bleibt: Was ist die Stuttgarter Denkart?
Unser Autor lebt und arbeitet als Architekt in Stuttgart.
15.08.2008 - aktualisiert: 16.02.2009 11:19 Uhr
Lesermeinungen
12.09.2008 13:18 Autor: Karo
Was nichts "bringt", taugt auch nichts und muss weg. Mit dieser Einstellung ist Stuttgart zu einer der charakterlosesten deutschen Großstädte geworden. Freiräume für die Bürger sind Fehlanzeige, nur noch Verkehrsschneisen. Eine davon wird sinnigerweise heute "Kulturmeile" genannt. Da ist wohl die Stuttgarter Abrisskultur gemeint.
23.08.2008 14:41 Autor: Stuttgarter
Ich glaube leider nicht, dass die Stuttgarter Denkart geschichtsbewußter geworden ist, sondern mehr denn je von wirtschaftlichen Interessen geprägt ist - leider zu 200%. Warum sonst lässt die Stadt Kulturdenkmäler wie den Bonatzbau oder die Lusthaus-Ruine über Jahrzehnte systematisch verkommen und kümmert sich nicht um öffentliche Spielplätze im Schlossgarten oder um den Zustand der Karlshöhe? Viel wichtiger scheint es, der Finanz- und Bauwirtschaft bauliche Gefälligkeiten zuteil werden zu lassen, und dafür den Steuerzahler bluten zu lassen.
Ein paar Gedanken zur Finanzierung des "am besten und gründlichsten Projekt der Bahn aller Zeiten" gibt es unter
"Die unverwechselbaren Orte und Bilder einer Stadt...sind die im kollektiven Gedächtnis niedergelegte erinnerte Vergangenheit" schrieb R.Ostertag am 16.8.08. in den StN. Ich möchte Ihnen für diese Veröffentlichung danken. Und ich stimme mit ein in die Klage Ostertags über die verlorengegangenen Kulturdenkmäler unserer Stadt, in der Hoffnung, daß die "Stuttgarter Denkart" in den letzten Jahrzehnten vielleicht doch etwas geschichtsbewußter geworden ist.
Noch heute trauere ich dem großzügig gebauten Kaufhaus Schocken nach - und auch der Ruine des klassizistischen Kronprinzenpalais, die dem Planiebau-Tunnel zum Opfer fiel.
Und da ist nun noch dieser Rest des Neuen Lusthauses im Schloßgarten - ein letzter Zeuge der Hochrenaissance-Baukunst in Stuttgart, und mir, durch eigene Erinnerung, besonders lieb:
meine Mutter, Lalita Gollwitzer -die ja auch alljährlich im Wilhelmspalais rezitierte- "tönte" uns in den 60er Jahren einmal von dieser Treppe herunter Szenen aus "Die Frau im Fenster" von H.v.Hofmannsthal - ein unvergesslicher Stuttgart-Eindruck für alle, die dabei waren.
Der Rest dieses originellen Bauwerks droht nun zu verfallen - ein Ort der Erinnerung, nicht nur meiner Familie.
Im Einverständnis mit vielen anderen möchte auch ich unseren Stadtoberen zurufen: helfen Sie mit, dieses Baudenkmal zu erhalten. Es darf nicht zu einem Abriss der Lusthausruine kommen!