Die schwäbische Firma Paravan baut Autos für Schwerbehinderte um
Manchmal entsteht Erfolg aus Nächstenliebe: Als Roland Arnold vor elf Jahren spontan half, einen Rollstuhlfahrer ins Auto zu heben, ahnte er nicht, dass er gerade eine neue Existenz gründete. Heute fahren dank Arnold sogar Schwerbehinderte wieder Auto. Seine Firma Paravan ist für ihre Kfz-Umbauten weltbekannt.
Günstig gelegen ist sie deshalb nicht. Wer Paravan sucht, findet Idylle: Links grasen Kühe, rechts wuchert der Mais, dazwischen ziehen Ortschaften wie Bernloch, Ödenwaldstetten und Aichelau vorbei. Die Firmenfahnen bemerkt der Besucher gleichzeitig mit dem Geruch: Kuhmist, eindeutig. "Riechen Sie das Land?", fragt Arnold gutgelaunt zur Begrüßung. Die Geschichte der komplizierten Anreise hört er in etwa zum hundersten Mal. "Viele Kunden sagen, wir sitzen am Ende der Welt". Sagt er, lacht, und wendet sich Wichtigerem zu, seinem "Space Rolli" zum Beispiel: Zwei Jahre haben die Paravan-Ingenieure daran getüftelt, heraus kam ein Rollstuhl, mit dem Behinderte nicht nur hinters Lenkrad rollen, sondern zudem Gas, Bremse und Steuer bedienen. Zusätzliche Lenkelemente wie in anderen Kfz-Umbauten für Behinderte entfallen.
Der "Space Rolli" ist die jüngste Erfindung aus dem Hause Paravan, bis die ersten Rollstuhl-gesteuerten Fahrzeuge auf deutschen Straßen rollen, dauert es - bedingt durch Tüv-Abnahmen - indes noch. Von Paravan umgebaute Kia, Chrysler oder VW fahren hingegen seit Jahren erfolgreich, kein Fahrzeug gleicht dem anderen. Das Unternehmen passt jedes Steuersystem dem jeweiligen Fahrer und dem Grad seiner Behinderung an, bedient wird es dementsprechend mal mit der ganzen Hand, mal mit nur zwei Fingern oder Zehen. Blinker, Scheibenwischer und Zündung reagieren auf Knopfdruck, Sprachbefehl oder ein Kopfnicken. In solchen Umbauten für Behinderte und vor allem Schwerbehinderte ist Paravan laut Arnold weltweit führend, bis zu 500 Autos verlassen jährlich die Produktionshalle auf der Schwäbischen Alb. Gut die Hälfte ist nur wenig ausgebaut, etwa mit einem Schwenksitz. In den Übrigen haben Paravan-Mitarbeiter den Fahrzeugboden erst ausgefräst und dann tiefer gelegt, eine Rollstuhl-Hebebühne montiert sowie komplexe Steuerungstechnik eingebaut. Letztere macht Lenksäule und Pedale überflüssig, ein firmeneigener Smart-Cabrio fährt nur noch via Joystick. In den Kundenfahrzeugen bleiben Lenkrad und Pedale allerdings erhalten, von außen ist der Umbau fast unsichtbar.
Der Wunsch nach Mobilität und damit mehr Unabhängigkeit führt Menschen aus aller Welt auf die Alb. An diesem Tag kommt die erste Kundin aus Italien, mit Hilfe einer Dolmetscherin übt sie am Nebentisch das Bremsen und Gasgeben von Hand. Eine Stunde später sitzt die querschnittsgelähmte Frau samt Rollstuhl im Paravan-Schulungswagen und dreht ihre erste Proberunde. Noch vor zehn Jahren war das undenkbar, für Menschen mit körperlichen Handycaps schien das Autofahrerleben unwiederbringlich vorbei. Auch heute kommen immer wieder Menschen, "denen der Arzt gesagt hat, sie können nie mehr Auto fahren", erzählt Arnold. Und weiter: "Die machen wir wieder mobil." Tatsächlich fahren Behinderte laut Arnold "genauso gut Auto wie Nichtbehinderte - nur mit ihren eigenen Systemen". Bei der Fahrprüfung schneiden Behinderte sogar tendenziell besser ab. Weil der Schein für sie lebenswichtig scheint, "fahren sie konzentrierter", sagt Fahrlehrer Thomas Fischer.
Fischer bildet in Kooperation mit Paravan auch rund 20 behinderte Menschen im Jahr aus, die Italienerin sieht er in den nächsten Wochen wohl täglich. Erst wenn sie die Prüfung bestanden und ein Tüv-Mitarbeiter das eigens für sie umgebaute Fahrzeug abgenommen hat, darf sie Schein und Auto mit nach Hause nehmen. Bis dato hat die Frau circa 2000 Euro in ihre Fahrausbildung sowie - je nach Umbau - bis zu rund 35000 Euro in die Kfz-Umrüstung investiert. Einen Teil der Kosten tragen womöglich Versicherungen oder Berufsgenossenschaften.
Zwar setzt Arnold bisher jährlich nur einen zweistelligen Millionenbetrag um. Für die Zukunft hegt er jedoch ehrgeizige Pläne. Zusätzlich zu solch prominenten Kunden wie russischen Industriemagnaten und dem Königsgeschlecht aus Dubai will Arnold künftig die Industrie und das Militär mit Paravan-Umbauten beliefern - zum Beispiel mit ferngesteuerten Fahrzeugen, die verminte Gebiete erkunden. Ferner sucht der Firmenchef weltweit Vertriebspartner für seine Minilenkräder und Bremsschieber, zudem Fahrschulen, die bundesweit Kurse für Behinderte anbieten. Die Zusammenarbeit mit Autovermietungen nicht zu vergessen: Avis verleiht seit Ende 2007 von Paravan umgebaute Kfz - damit fährt der Manager trotz Knieoperation selbst zum Termin.
Ein anderer 90-Mann-Betrieb hätte sich damit vermutlich übernommen - der Unternehmer aus Pfronstetten-Aichelau indes ist Praktiker durch und durch, der auch dem ländlichen Firmensitz nur Gutes abgewinnt: Derzeit entsteht nebenan eine zweite, doppelt so große Produktionshalle, ein paar Kilometer weiter ein Übungsparcours für Fahrschüler. In stärker besiedelten Regionen wäre dafür kein Platz, außerdem zerstören Fahrschüler, die vom Weg abkommen, wenigstens das familieneigene Maisfeld.
Dass Arnold für seine Geschäftsidee einmal Preise gewinnt, hätte er sich nie träumen lassen. Kfz-Mechaniker lernte er nur, weil der elterliche Bauernhof bereits an den älteren Bruder vergeben war, später handelte Arnold mit Reifen. "Landwirt hätte mir auch Spaß gemacht", sagt der 42-Jährige. Stattdessen ließ ihn der Rollstuhlfahrer nicht mehr los, und er wurde Paravan-Chef. Und sieht den Kühen seines Bruders durchs Werkstattfenster beim Kauen zu - vom Geruch ganz zu schweigen.