Zeremonie an Maria Himmelfahrt - Am einstigen sozialen Brennpunkt drohen 2009 neue Konflikte
Stuttgart - Der einstige soziale Brennpunkt am Rupert-Mayer-Platz hat sich beruhigt: 2004 musste die Polizei zu 2000 Einsätzen ausrücken. Dieses Jahr werden maximal 300 Einsätze erwartet. Die Szene der Ex-Junkies befürchtet dennoch, dass sie vertrieben wird.
Von der Paulinenbrücke herunter dröhnt Verkehr. Unten, im Schatten der Brücke am gleichnamigen Brunnen, herrscht besinnliche Stille. Zu Füßen der Skulptur "Mutterliebe" tritt ein Ex-Junkie nach dem anderen nach vorne, um von Pfarrer Josef Wiedersatz gesegnet und gesalbt zu werden.
"Wir benötigen eine Jacke für den Leib und den Segen für die Seele, um für das harte Leben gestärkt zu sein", sagt Wiedersatz. Der Krankenhauspfarrer am Katharinenhospital nimmt Maria Himmelfahrt am Freitag zum Anlass, um mit Thomas Kleine, Seelsorger für aids- und drogenkranke Menschen, und Schwester Margret von der Franziskusstube am Rupert-Mayer-Platz christlichen Beistand zu leisten.
"Die Brunnenfigur der Wasser holenden Frau mit ihren Kindern erinnert an Maria", sagt Kleine. "Bei ihr standen die Armen und Ausgegrenzten an erster Stelle." Dies solle heute insbesondere für die Menschen gelten, die sich hier regelmäßig treffen. "Dafür wollen wir Flagge zeigen", sagt der Seelsorger.
Bei den Ex-Junkies, die den größten Teil der Szene stellen, genießt Kleine Vertrauen. Trotzdem nimmt nur die Hälfte der etwa 50 Männer und Frauen, die sich am Freitag eingefunden haben, an der religiösen Zeremonie teil. Das im Nebensatz formulierte sozialpolitische Anliegen kommt trotzdem an.
"Es gibt hier keine aktive Drogenszene mehr", beteuert Freddy. "Man soll uns endlich in Frieden lassen." Der 38-Jährige erhält den Ersatzstoff Methadon, wie 820 weitere Ex-Junkies in Stuttgart. Den gibt es unter anderem in der Substitutionsambulanz in der Hauptstätter Straße. Deren fußläufige Nähe macht den Rupert-Mayer-Platz für die Szene besonders attraktiv.
Vor wenigen Jahren war es der härteste soziale Brennpunkt in der Stadt. Die "Paule", wie die Brücke im Straßenjargon heißt, zog alle an: Junkies, Ex-Junkies, Trinker, Obdachlose. Verschärft wurde die Lage durch Disco-Publikum, das sich spätabends mit Alkohol aus der Tankstelle unter der Brücke in Stimmung trank. Anwohner protestierten, die Politik schaltete sich ein. Die Polizei reagierte mit massiver Präsenz. Versuche der Stadt, die Lage durch Mediatoren und Sozialarbeiter zu entschärfen, scheiterten. Erst als die Tankstelle Ende 2007 abgebaut wurde, entspannte sich die Lage. Dabei ist es bisher auch geblieben.
"2004 hatten wir 2000 Einsätze und 250 Straftaten in diesem Bereich", sagt Polizeisprecher Olef Petersen. "In diesem Jahr erwarten wir nur noch 200 bis 300 Einsätze." Vom 1.Januar bis 22.Mai habe man lediglich 18 Straftaten registriert. Im kommenden Jahr soll der Platz zudem umgebaut werden. Ein erklärtes Ziel der Stadtverwaltung dabei ist es, die Szene vollends aufzulösen. Ob der Umbau jedoch ausreichend Wirkung zeigt, ist offen. "Das löst sich nicht in Wohlgefallen auf", warnt Stefan Spatz, stellvertretender Leiter des Sozialamts. "Wir müssen die Situation weiter beobachten, um sie immer im Griff zu behalten."
"Die Lage hat sich zwar beruhigt, bleibt aber fragil", urteilt Regina Braun, Pressesprecherin des Gesundheitsamts. Der Platz werde weiterhin Treffpunkt für Menschen am Rande der Gesellschaft sein. "Auch dieser Personenkreis hat Anspruch darauf, sich in der Stadtmitte aufzuhalten", betont sie. Andererseits müssten die Ordnungskräfte danach schauen, dass die Gesamtsituation für alle Bürger "zumutbar" bleibe.
Sollte der Druck auf die jetzige Szene zunehmen, drohten neue Konflikte, wird bei der Stadtverwaltung hinter vorgehaltener Hand angedeutet. Entweder eskaliere die Lage am Rupert-Mayer-Platz - oder an dem neuen Ort, wohin die Szene ausweiche. "Die Heimatlosen werden immer ein Refugium brauchen", sagt dazu Seelsorger Kleine.