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Stuttgart 21

Bahn-Vorstand will auf Gutachten der Gegner antworten

Modell des neuen Hauptbahnhofs
Foto: dpa

Münchner Experte: DB-Kostenansatz für Tunnel viel zu niedrig - Gemeinderat sieht Stadt bei Mehrkosten von Stuttgart 21 außen vor
 

Stuttgart - Stuttgart 21 wird sich um mindestens 276 Millionen auf 3,076 Milliarden Euro verteuern. Ministerpräsident Günther Oettinger und ein Bahn-Vorstand wollen die Gründe kommenden Dienstag erläutern. Der Stuttgarter Gemeinderat lehnt eine Finanzspritze ab. Der Gutachter der Gegner kritisiert die Rechnung der Bahn.

Der zehnprozentige Aufschlag auf die von der Bahn AG bisher genannten 2,8 Milliarden Euro aus dem Jahr 2004 soll angeblich die "inflationsbedingte Kostensteigerung" bei der neuen Bahn-Infrastruktur bis 2008 berücksichtigen. Die Gegner des Tiefbahnhof-Projekts sehen sich bestätigt. "Bis vorgestern war es das angeblich am besten geplante und durchgerechnete Projekt der Bahn", sagt der Grünen-Landtagsabgeordnete und Fraktionssprecher im Gemeinderat Werner Wölfle mit süffisantem Unterton.

Grüne und Bund für Umwelt- und Naturschutz hätten die Landesregierung durch ein Gutachten letztlich dazu gezwungen, Mehrkosten "einzugestehen". Wölfle: "Jetzt ist der Damm gebrochen." Oettinger werde "scheibchenweise immer höhere Kosten veröffentlichen müssen".

Das Staatsministerium wollte auch am Freitag zu den Mehrkosten keine Stellung nehmen und verweist auf die für Dienstag geplante Pressekonferenz: "Stellen Sie ihre Fragen dort." Die Bahn gibt sich gelassen. Wer wie viel von den 276 Millionen Euro beibringe sei im Grunde "geregelt", sagt Sprecher Reinhold Willing. Die Bahn zumindest habe klare Vorstellungen, die "Gegenstand der Verhandlungen mit dem Land" seien.

Auf die von dem Münchener Büro Büro Vieregg Rössler im Auftrag der Stuttgart-21-Gegner gefertigte Kostenrechnung will die Bahn am Dienstag antworten. Stadt und Land drängen darauf. Das Staatsunternehmen bringt der Expertise, die Stuttgart 21 bis zum Bauende 2010 bei 6,9 Milliarden Euro sieht, keine sonderliche Wertschätzung entgegen. "Wir sagen dazu nicht Gutachten, wir sagen Papier", so Willing.

CDU und SPD-Fraktion im Gemeinderat drängen Bahn, Bund und Land zu einem raschen Abschluss der endgültigen Finanzierungsvereinbarung. 276 Millionen Euro Mehrkosten seien "verdammt viel Geld", sagt CDU-Vize Dieter Wahl, die Stadt könne daran aber "nicht beteiligt sein", schließlich sei man "nicht Partner der Finanzierungsvereinbarung". Wahl: Bahn und Land handeln das aus.

Auch SPD-Fraktionschef Manfred Kanzleiter sieht die Stadt nicht in der Pflicht. "Wir zahlen einen Festbetrag von 31 Millionen Euro", verweist er auf den Vertrag zwischen Stadt und Land. Außerdem gibt die Stadt bis zu 260 Millionen Euro in den mit 1,3 Milliarden Euro gefüllten Risikotopf. Baukostensteigerungen, sagt Kanzleiter seien aber "kein Risiko, sondern vorherseh- und berechenbar".

Kanzleiter moniert die Öffentlichkeitsarbeit der Bahn. Das Unternehmen gebe "ein jämmerliches Bild ab", lasse sich "sehr viel Zeit" für eine Reaktion auf das Münchener Gutachten und sitze "auf dem hohen Ross".

Wie die Stadträte argumentiert in Sachen Mehrkosten auch Finanzbürgermeister Michael Föll, CDU. Er ist als OB-Stellvertreter am Dienstag zur Pressekonferenz gebeten. Angesichts der im Oktober mit dem Land geschlossenen Ergänzungsvereinbarung zu Stuttgart 21 "dürften auf die Stadt keine weiteren Kosten zukommen", sagt Föll.

Das Land listete am Donnerstag erstmals Kosten für die einzelnen Planungsabschnitte bei Stuttgart 21 auf. Dabei gibt es extreme Differenzen zum Vieregg-Rössler-Gutachten. Für den 9,5 Kilometer langen Fildertunnel kalkuliert die Bahn 357 Millionen Euro, das Gutachten im Auftrag der Gegner weist 1,294 Milliarden aus. Bei den sieben Einzelpositionen liegt die Bahn einzig bei der Strecke vom Flughafen bis Wendlingen über dem Kostenansatz des Münchner Büros 238 gegen 164 Millionen Euro.

"Die Ursache der Abweichung ist immer dieselbe", sagt Martin Vieregg. Die Bahn kalkuliere mit einem "viel zu niedrigen Kostenansatz für die bergmännischen Tunnel". Vieregg rechnet mit dem Maßstab Kubikmeter Tunnelausbruch. Pro Meter Strecke fallen 84 Kubikmeter an. "Wir haben 30 Bahnprojekte untersucht", erläutert er die Systematik. Keines davon sei billiger als 200 Euro pro Kubikmeter, auf der Neubaustrecke Nürnberg-Ingoldstadt seien sogar 700 Euro erreicht worden.

Wenn man die Bahnzahlen umrechne, sagt Vieregg, ergäben sich für den Tunnelrohbau auf die Filder pro Kubikmeter Kosten von 150 Euro. Dieser Wert liege "jenseits unserer Skala", sagt Vieregg. Und er liege auch noch deutlich unter dem Wert für den im Rohbau eben fertig gestellten Katzenbergtunnel auf der Rheinschiene. Dort hätten geologisch "nahezu ideale Bedingungen" geherrscht, dennoch würden die Röhren um 20 bis 30 Prozent teurer werden, was 240 Euro pro Kubikmeter Ausbruch bedeute. Die Bahn AG sieht ihre Ansätze als realistisch an. "Wir haben den sieben Kilometer langen Tunnel durch den Thüringer Wald mit 250 Millionen Euro veranschlagt", sagt Reinhold Willing. Allerdings ist auch der Tunnel in Thüringen noch nicht gebaut.
 

Konstantin Schwarz

15.08.2008 - aktualisiert: 15.08.2008 18:54 Uhr