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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 21.08.2008

The Dark Knight

Der Held zweifelt an sich selbst

Mit "Batman Begins" ist Christopher Nolan ("Memento") ein beeindruckender Neustart gelungen: Angelehnt an eine neue, düstere Generation der BatmanComics reflektiert der Protagonist, innerlich zerrissen, sein heimliches Tun als Selbstjustizler. In der Fortsetzung nun treibt die dahinterstehende Grundfrage den ganzen Fantasie-Moloch Gotham um: Ist Batman überhaupt ein Held und Helfer der Polizei, oder eher ein dunkler Rächer jenseits moralischer und juristischer Kategorien?

Von selbigen völlig gelöst hat sich sein Gegenspieler, der Joker, ein perfekter Willkür-Terrorist. Ihm geht es nicht um Geld, Ruhm oder Macht; er liebt es, die Menschen herauszufordern, ihnen bei grausamen Spielen den Spiegel ihrer eigenen Unzulänglichkeit vorzuhalten. Zum Beispiel vermint er zwei Personenfähren und deponiert die Zünder auf der jeweils anderen - wer bis Mitternacht zuerst die anderen in die Luft jagt, darf weiterleben, drückt niemand den Knopf, lässt der Joker beide Fähren hochgehen. Auf dem einen Boot sind Strafgefangene, auf dem anderen Normalbürger: Männer, Frauen und Kinder. Die Diskussionen darüber, ob der Knopf gedrückt werden darf und wer sich dazu bereiterklärt, rührt auf perfide Art an Grundprinzipien menschlicher Moral.

Eine Idee hatte Christopher Nolan also, und Heath Ledger definiert die Rolle des Bösewichts völlig neu, den Jack Nicholson in Tim Burtons "Batman" (1989) prägte. Ledger gibt einen Entrückten, der sich ständig die Lippen leckt, der mit dem Kopf zuckt, wirre Haarsträhnen aus dem Gesicht streicht und die Reden eines Wahnsinnigen schwingt. Doch jeder seiner Auftritte läuft auf eine exakt platzierte Pointe zu, hinter der stets eine Sprengladung lauert, die Menschenleben bedroht. Wird er beim Verhör misshandelt, scheint es der Joker zu genießen, und er erzählt immer neue Varianten der Legende, woher die Schnittnarben stammen, die ihn in Verlängerung seiner Mundwinkel entstellen - ein Sammelsurium böser Familientragödien, auch dies ein Spiel mit den Abgründen unter der scheinbar heilen Menschenwelt.

Ein Panzerkostüm lässt Batman hölzern wirken

Diesem beweglichen Gegner hat Batman alias Bruce Wayne wenig entgegenzusetzen: Ein neues, stark gepanzertes Fledermauskostüm lässt ihn hölzern wirken, eine dick armierte Maske macht seinen Kopf zur immobilen Kugel, ein bassiger Stimmverfremder nimmt ihm alles Menschliche. Als habe ihn das Kostüm generell blockiert, wirkt Christian Bale auch im Anzug als Geschäftsmann Wayne über weite Strecken wie versteinert. Aaron Eckart ("Thank You for Smoking") gibt mit kantigem Kinn den Vorzeigestaatsanwalt, der zur Zielscheibe des organisierten Verbrechens wird, muss gegen Ende aber eine wenig plausible Metamorphose vollziehen. Morgan Freeman als technischer Berater Batmans und Michael Caine als sein Butler, eigentlich Selbstläufer, führen routiniert fort, was sie in "Batman Begins" angefangen haben, aber ohne dieselbe Strahlkraft zu entfalten - hier kommt der Fluch der Fortsetzung voll zum Tragen.

All das hätte Nolan leicht hinter mächtigen Effekten verstecken können, Batmans waghalsige Flüge durch Hochhausschluchten etwa lassen den Atem stocken. Dass das nicht reicht, liegt am Drehbuch: Der Film ist mit zweieinhalb Stunden sicher eine zu lang, die Handlung hat schwere Hänger, mitunter wird 20 Minuten lang hin und her sinniert, und als Zuschauer sehnt man sich danach, es möge endlich wieder etwas passieren.

Die US-amerikanische Hysterie um den Film (Platz zwei der erfolgreichsten Filme aller Zeiten, hinter "Titanic") ist wohl durch die starke Identifikation mit dem Thema zu erklären: Eine innerlich zerrissene Nation im Krieg fragt sich selbstkritisch, auf welcher Seite sie eigentlich steht und ob sie mit anderen tun darf, was sie tut. Wir alte Europäer bleiben da unbeteiligte Zuschauer, im Kino wie im richtigen Leben.
 

Bernd Haasis

21.08.2008 - aktualisiert: 21.08.2008 09:50 Uhr

 


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