Stuttgart - Für seinen Online-Straßenatlas ist der Suchmaschinenbetreiber Google derzeit in Stuttgart auf Fotopirsch. Kleinwagen mit Teleskopkameras knipsen alle Stuttgarter Straßenzüge. Datenschützer äußern Bedenken, obwohl der Konzern verspricht, Gesichter und Autokennzeichen unkenntlich zu machen.
Bitte recht freundlich: Vielleicht finden Sie sich bald mit Bild im Internet wieder, seit dunkle Kleinwagen mit Teleskopaufbau durch Stuttgarts Straßen steuern. Auf der Spitze der Dachständer schießen nämlich Kameras nonstop Bilder.
Im Fokus haben die Objektive alles, was in einem 360-Grad-Winkel rundum gerade an der Straße steht, geht oder fährt. Häuser, Mülltonnen, Autos und Menschen - an Fenstern, auf Gehwegen, in Bussen und Bahnen, beim Joggen, Nase bohren oder im Café. Der US-amerikanische Suchmaschinengigant Google ist auf der bislang aufwendigsten Fotosafari, die Stuttgart je erlebt hat. Das Unternehmen will die Szenen in seinen digitalen Straßenatlas Maps einbauen. Unter dem Namen "Street View" sollen Internet-Nutzer Ziele nicht mehr nur auf Karten oder aus der Vogelperspektive sehen können. Das neueste sogenannte Feature bietet realistische Ansichten auch auf Augenhöhe.
In den USA, wo die ersten Straßenansichten von San Francisco, New York, Las Vegas und Miami im Mai 2007 online gestellt wurden, gibt es heute bereits 40 derart vergoogelte Städte. In Europa feierte Street View zur letzten Tour de France Premiere. Nutzer konnten die Etappen am Bildschirm durchradeln. Im Frühjahr schickte der Konzern Fotofahrzeuge durch die Straßen von Berlin, Frankfurt und München. Die Aufnahmen sind inzwischen abgeschlossen.
"Momentan weiten wir unsere Aktivitäten auf andere deutsche Regionen und Metropolen aus", bestätigt Unternehmenssprecher Stefan Keuchel, dass jetzt auch Stuttgart im Visier ist. Welche Städte noch abgelichtet werden, verrät er nicht. "Wir stellen sämtliche öffentliche Straßen den Nutzern zur Verfügung", betont Keuchel. Google wolle das gesamte 1427 Kilometer lange Stuttgarter Straßennetz darstellen.
Wann das Werk im Internet zu bestaunen ist, sagt er nicht. Offenbar will Google die Ansichten erst freischalten, wenn sie aus mehreren deutschen Städten verfügbar sind. "Die Aufnahmen sind der erste Schritt eines langen Produktionswegs", so Keuchel. Das könnte noch Monate dauern. Aus mehreren zehntausend Bildern werden die Straßenzüge mit Hilfe von Geokoordinaten zusammengefügt. Im fertigen Produkt lassen sich Fahrwege und Boulevards mit der Maus durchwandern. Dank dreidimensionaler Blickrichtung können komplette Häuserfronten besichtigt, aber auch alle Motive davor erblickt werden.
Passanten und Autos, die während der Aufnahmen "im Bild" standen, sollen auf "Street View" unkenntlich bleiben. Eine Software soll Gesichter und Kennzeichen unscharf machen. "Zudem tauschen wir Bilder auf Anfrage aus", verspricht Keuchel.
Das aber genügt vielen Datenschützern nicht, zumal Schriftzüge auf Gebäuden und Fahrzeugen weiter lesbar bleiben. "Der Bürger muss aktiv werden, was ärgerlich und lästig ist", kritisiert Peter Zimmermann, Datenschutzbeauftragter des Landes. Wie bei Webcam-Bildern ließen sich aus dem dinglichen Umfeld Rückschlüsse auf die dargestellten Personen ziehen. "Mir ist nicht klar, was Google mit den unverfremdeten Gesichtern anfängt", gibt Zimmermann weiter zu bedenken. Grundsätzlich stelle sich bei "Street View" die datenschutzrelevante Überlegung, ob gesetzliche Erlaubnis oder eine Einwilligung der Porträtierten vorliegt. "Viele Fragen bleiben offen", resümiert Zimmermann, dem wegen des nichtöffentlichen Status und des Hamburger Firmensitzes von Google Deutschland die Hände gebunden sind.
Die Aufregung versteht Stefan Keuchel nicht. "Wir wollen nicht Herrn Müller zeigen, sondern Straßen und Plätze", so der Sprecher. Touristen sollen im Internet schon mal durch die Königsstraße bummeln, bevor sie anreisen. Doch das ist nur der Anfang. Denkbar sei, dass in Navigationsgeräten der Zukunft Echtbilder das klassische Kartenmaterial ergänzten.
"Wir betreten mit vielen Dingen Neuland. Pioniere treffen häufig auf Misstrauen", sagt Keuchel. Google halte sich mit "Street View" an Recht und Gesetz. Wie viele Nutzer bereits in Google-Straßen unterwegs sind, will Keuchel nicht beziffern. "Das Angebot ist sehr populär", sagt er. Inzwischen gebe es sogar Fan-Gemeinden. Dort kursieren auch zweifelhafte Schnappschüsse: etwa mit Firmenwagen vor eindeutigen Etablissements.