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Oswalt Kolle im Interview

"Sex ist das beste Mittel gegen Alterstraurigkeit"

Oswalt Kolle: In Wirklichkeit ein Romantiker
Foto: dpa

Oswalt Kolle, der Aufklärer der Nation, über Viagra, Monogamie und die unaufgeklärte Jugend
 

Frankfurt/Main - Die Jahre sind nicht spurlos vorübergegangen an Oswalt Kolle. Er fühle sich nicht so besonders und wolle das Hotelzimmer lieber nicht verlassen, sagt er. Kurze Zeit später ist davon nichts mehr zu spüren. Seine Augen leuchten, als er über seinen Kampf gegen die konservativen Kräfte spricht. Und natürlich über Sex.

Hallo Herr Kolle, Sie feiern am 2. Oktober Geburtstag. Wie ist das Leben eines Sex-Papstes kurz vor seinem 80.?
Sehr gut. Ich arbeite viel, habe gerade meine Memoiren fertiggestellt und habe vor sechs Jahren eine neue große Liebe gefunden. Das ist eine erfüllende Sache.

Spielt Sex mit 80 noch eine Rolle?
Sex ist das beste Mittel gegen Alterstraurigkeit. Und die Lust wird nicht weniger. Laut Statistik wollen 70 bis 80 Prozent der alten Menschen noch Sex. Viele trauen sich nur nicht, sich helfen zu lassen.

Sie meinen mit Potenzpillen?
Es ärgert mich, wenn solche Präparate hingestellt werden, als würden sie die Menschen geil machen. Viagra stellt die Erektionsfähigkeit wieder her. Wenn Sie Viagra nehmen und anschließend Ihr Auto waschen, passiert gar nichts. Außer Sie lieben ihr Auto so sehr, dass Sie beim Anblick des Auspuffs an alles Mögliche denken. Das geht dann aber schon in die Richtung Fetischismus. Es gibt seit einigen Jahren auch luststeigernde Hormonpräparate für Frauen. Kaum waren die auf dem Markt, hieß es in konservativen Medien: "Jetzt werden die armen alten Männer von wild gewordenen Frauen gejagt." Also ehrlich - mir bricht es das Herz.

Warum ist Sex im Alter ein Tabu?
Die Alten setzen sich selbst unter Druck. Viele Frauen denken, nur wer jung ist, eine schöne Haut und tolle Brüste hat, darf sich nackt zeigen. Statt darüber nachzudenken, was sie nicht mehr haben, sollten sie sich lieber auf ihre Erfahrung besinnen. Die meisten wissen genau, wo sie ihren Partner anfassen müssen. Die Männer muss man davon überzeugen, dass sie Sex nicht als Leistung sehen.

Also liegt es an den alten Menschen selbst, das Tabu zu brechen?
Nicht nur. Viele junge Leute haben Probleme damit, wenn ihre Eltern und Großeltern sexuell aktiv sind, und zeigen ihre Ablehnung offen. Wenn es nach ihnen ginge, sollen Oma und Opa auf einer Parkbank sitzen, versonnen Rilke zitieren und Tauben füttern. Meine Lebensgefährtin und ich haben da Glück: Unsere Kinder und Enkelkinder finden es toll, dass wir uns lieben und zeigen, dass wir zärtlich miteinander sind.

Ist Jose del Ferro die einzige Frau, mit der Sie Zärtlichkeiten austauschen?
Ich bin absolut monogam.

Während der 49 Ehejahre mit Ihrer verstorbenen Frau Marlies Duisberg war das anders. Damals hatten Sie immer wieder Affären. Halten Sie nichts von Treue?
Für meine Frau und mich hieß Treue, dass sich jeder auf den anderen verlassen kann. Wenn jemand behauptet hat, ich hätte schlecht über meine Frau geredet, konnte sie immer sagen: "Sie lügen!" Einmal hat ein junges Mädchen aus Berlin bei ihr angerufen und gesagt, sie bekäme ein Kind von mir. Meine Frau sagte ganz trocken: "Oh, das find' ich aber schön. Der macht so schöne Kinder."

Haben Sie mit Ihrer Frau über die Affären gesprochen?
Viel sogar. Ich war ja ständig unterwegs - da wollte sie immer wissen, ob ich in guten Händen bin.

Gab es Verehrerinnen, die sich Ihnen an den Hals geworfen haben?
Als ich etwa 40 war, wollte eine junge Frau mit mir ins Bett, um zu testen, ob ich wirklich so gut bin, wie ich schreibe. Die habe ich sofort rausgeschmissen. Ich hatte kein Interesse, nach meiner Führerscheinprüfung einen weiteren Test abzulegen.

Und Sie haben nie überlegt, Ihre Frau zu verlassen?
Einmal stand ich kurz davor. Meine Beziehung zu Romy Schneider ging viel tiefer als alle Affären zuvor. Ein Dreivierteljahr lang hat es mich innerlich zerrissen. Meine Frau hat das gemerkt. "Wenn es dir so schlecht geht, denk darüber nach, ob du nicht besser gehst", hat sie gesagt. "Ich will lieber einen glücklichen Vater für meine Kinder als einen unglücklichen Mann." So war sie. Ich war schon am Flugschalter der Air France, als mir klar wurde, dass ich zu meiner Frau gehöre. Also bin ich zu ihr zurückgekehrt.

Schwelgen Sie in Erinnerungen, wenn im nächsten Jahr wieder Romy-Schneider-Filme in die Kinos kommen?
Ich glaube nicht, dass ich mir die anschaue. Die Zeit ist für mich abgeschlossen.

Haben Sie Ihr Ideal der offenen Ehe verraten?
Mein Ideal war immer: Wenn zwei sich mögen, müssen sie sich die Lebensgemeinschaft aussuchen, die zu ihnen passt. Da sollte man sich von niemandem reinreden lassen - weder vom Papst, noch vom Herrn Kolle.

War der Papst Ihr größter Gegner?
In meiner Jugend herrschte eine unglaubliche Doppelmoral. Wir Jungs sollten uns die Hörner abstoßen. Wenn das ein Mädchen gemacht hat, wurde es als Flittchen abgestempelt. Dieses Elend wurde in den Wurzeln von der Katholischen Kirche unterstützt. Vorehelicher Sex führte zwangsläufig zu eitrigen Geschwüren an Penis und Vagina - ganz zu schweigen von ungewollten Schwangerschaften. Mit diesem Unsinn habe ich aufgeräumt. Daraufhin hat mir die Katholische Kirche bodenlosen Hass entgegengebracht.

Hat sich der Kampf denn gelohnt?
Ich bin ganz zufrieden mit dem Ergebnis der sexuellen Revolution. Wir haben eine Gesellschaft ermöglicht, in der man frei diskutieren kann, auch über Themen wie Sexualität. Die sexuelle Gleichberechtigung war nie so weit wie heute. In meiner Jugend haben die Jungs die Mädchen noch mit Sprüchen unter Druck gesetzt wie: "Wenn du mich liebst, gehst du mit mir ins Bett." Und die jungen 68er haben gesagt: "Wenn du politisch richtig liegen willst, gehst du mit uns allen ins Bett."

Und heute heißt es, "wenn du dazu gehören willst, lässt du mich ran".
Mag sein. Aber ich glaube nicht, dass sich die jungen Frauen so was erzählen lassen. Die sind zu selbstbewusst. Allerdings gibt es da Unterschiede zwischen den gesellschaftlichen Schichten.

Heißt das, reiche Kinder werden besser aufgeklärt als arme?
Es wird generell zu wenig aufgeklärt. Die Lehrer haben Angst davor, vulgäre Worte auszusprechen - dabei benutzen sie die Schüler längst. Allerdings tun die Jugendlichen nur so, als ob sie Bescheid wüssten. Sie wissen nichts über Sex.

Aber im Internet steht doch eine grenzenlose Auswahl an Sex zur Verfügung.
Pornos haben nichts mit Aufklärung zu tun. Da bekommt man nur falsche Vorstellungen. Außerdem besteht die Gefahr, dass junge Menschen durchs Internet vereinsamen. Das ist kein Ersatz dafür, verliebt neben seinem Mädel im Bett zu liegen.

Sie haben 13 Bücher und acht Drehbücher über Sex geschrieben. Gibt es etwas, das Ihnen fremd ist?
Ich bin bestimmt kein Moralapostel, aber wenn Männer zu Prostituierten gehen, fehlt mir jedes Verständnis. Bevor ich Geld für Sex ausgebe, mach ich es mir lieber selbst. Dann bin ich allein mit meiner Fantasie und werde nicht durch eine völlig fremde Person gestört. In Wirklichkeit bin ich ein Romantiker.
 

Fragen von Carolin Sadrozinski

29.08.2008 - aktualisiert: 29.08.2008 15:54 Uhr

 



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