Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 04.09.2008
Wolke neun
Wider jede Logik, wie es der menschlichen Natur entspricht
Das Besondere im Alltäglichen zu entdecken, ist an sich schon keine kleine Kunst; diesen Vorgang auf der Kinoleinwand sicht- und fühlbar zu machen, eine große. Andreas Dresen wagt dieses in jedem seiner Filme. Er braucht weder spektakuläre Bilder noch Knalleffekte, das Medium tritt bei ihm in den Dienst der Menschen, der Charaktere. Er kommt ihnen ungewöhnlich nahe, weil er auf die Kraft der Improvisation setzt und sich Situationen am Set entwickeln lässt. Ob er nun zwei scheinbar unspektakulären Paaren in Frankfurt/Oder auf den Zahn fühlt wie in "Halbe Treppe" oder das ganz normale Chaos im Leben zweier ungleicher Freundinnen ausleuchtet wie in "Sommer vorm Balkon": Immer ist zu spüren, dass dieser Regisseur seine Figuren, die Menschen und das Leben liebt.
In "Wolke 9" ist die Kamera dicht bei Inge (Ursula Werner), die auf die 70 zugeht, als Änderungsschneiderin ein wenig Geld zur Rente zuverdient, in ihrer Rolle als Oma aufgeht und im Frauenchor Volkslieder singt. Seit 30 Jahren ist sie mit Werner (Horst Rehberg) verheiratet, dessen Hobby die Eisenbahn ist. Sie unterwirft sich dem ohne zu murren, wenn er Bahnstrecken abfahren möchte oder sie im Fernsehen anschaut.
Eines Tages bringt Inge aus einem Impuls heraus dem Mittsiebziger Karl (Horst Westphal) eine geänderte Hose vorbei. Dieser bittet sie herein, und schon reißen sich beide die Kleider von ihren reifen Leibern und versinken in einem Liebesakt voller Leidenschaft und Zärtlichkeit. Inge erschrickt über sich selbst - eine Ungeheuerlichkeit, noch dazu in ihrem Alter!
Hin- und hergerissen muss sie sich über ihre Gefühle Klarheit verschaffen. Sie diskutiert mit ihrer Tochter, diese schwankt zwischen Bewunderung (Gönn dir das doch!) und Entsetzen (Was sage ich den Kindern, wenn du dich trennst?). Und je öfter Inge sich in die immer offenen Arme des lebensbejahenden Werner legt, desto klarer wird ihr, wie eingefahren ihr auf festen Gleisen erstarrter Griesgram von Ehemann ist.
Fast scheint es, als habe Andreas Dresen diesen Film einfach geschehen lassen, so lebensecht reifen darin Entscheidungen, eskalieren Streitsituationen, wechseln Haltungen und Stimmungen wider jede Logik - wie es der menschlichen Natur entspricht. Natürlich steckt dahinter harte Arbeit. Die Schauspieler haben viel gewagt, sich im wahrsten Sinne des Wortes entblößt. Dresen und sein langjähriger kongenialer Partner, der Stuttgarter Produzent Peter Rommel, haben ihnen dafür den Boden bereitet, eine Atmosphäre des gegenseitigen Vertrauens geschaffen, die für ein solches Projekt unabdingbar ist.
Dieser Film handelt von Liebe, Sex und Leidenschaft und davon, dass es für all das keine Altergrenze gibt; in erster Linie aber handelt er von einem Denkverbot ganz anderer Art: von der Neigung des Menschen, sich mit einem Bruchteil dessen abzufinden, was das Leben bieten kann, anstatt die Möglichkeiten auszuschöpfen.
Bernd Haasis
04.09.2008 - aktualisiert: 04.09.2008 11:40 Uhr