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Hardware-Defekte

Hyper-Schamanismus

Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz, Österreich, geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin.
Begleitet seit über 20 Jahren als Schriftsteller und Mitglied des Chaos Computer Clubs die Entwicklung der digitalen Welt.

Glasers Netzkolumne - aus der STZ vom 10.09.2008
 

Für Geräte, die nicht recht wollen, hat man in Japan eine spirituelle Lösung gefunden: Im Kanda-Myojin-Schrein in Tokio wird den Inhabern kratzbürstiger Apparate göttlicher Beistand verheißen. Auch für Probleme mit Handys haben die Priester ein Ohr. Der Shinto-Tempel befindet sich praktischerweise direkt neben dem als Elektronik-Dorado bekannten Bezirk Akihabara ("Electric City"). Inzwischen statten die Gerätegeistlichen auch Hausbesuche ab, etwa in IT-Unternehmen.

Die japanische Lösung mag neu sein, der Ansatz ist alt. Jeder, der länger mit elektronischer Gerätschaft - insbesondere mit Computern - zu tun hat, kennt die ähnlich wie beim Judo abgestuften Grade des Nichtfunktionierens, mit denen Maschinen einen aufs Kreuz zu legen versuchen. Für Kenner der Materie - und das sind wir heute alle - ist klar, dass Künstliche Intelligenz nur eine wahre Bedeutung hat, nämlich dass Rechner oder anverwandte Apparaturen genau zu wissen scheinen, wann sie ausfallen müssen, um ein Maximum an Ärger zu verursachen.

Hardware-Defekte lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen: solche, die sich reparieren lassen, und solche, an die man mit schamanischen Methoden rangehen muss. Welcher der Gruppen eine Funktionsstörung zuzuordnen ist, kann man manchmal schon an der Art ihres Auftretens erahnen. Einstellungen des Internetzugangs etwa, die - ohne dass man auch nur ein Bit verändert hat - nicht mehr tun, was sie sollen, weisen auf höheren Heilungsbedarf hin. Ungern erinnere ich mich an eine Zeit, als mein Drucker ein paar Wochen lang ausschließlich vormittags druckte, etwa bis gegen Mittag. Ich vergeudete mehrere Nachmittage, stapelweise Druckerpapier und verschiedene teils extravagante theoretische Ansätze, woran es liegen könnte. Ich stellte den Drucker an einen anderen Platz, schließlich könnte die Sonneneinstrahlung durch das Fenster und die dadurch verursachte Wärme das Problem sein. Dann fügte ich mich der Laune des Geräts und beschränkte mich darauf, Geschriebenes jeweils nächsten Vormittag auszudrucken.

Mein Hardware-Guru, den ich schlussendlich konsultierte, ließ mich die Plastikverkleidung aufschrauben und warf einen Blick auf die Platine. "Hat nix", sagte er, und ich durfte wieder zuschrauben. Er hatte das Gerät nicht einmal berührt. Der Drucker funktionierte wieder. Ich bin davon überzeugt, dass der Drucker keinen Respekt vor mir hat. Er fügte sich erst jemandem, dem er mit Sicherheit nichts vormachen konnte. Mich hielt mein Drucker offenbar für blöd. Auch wenn er wieder anständig arbeitete, so war unser Vertrauen doch nachhaltig gestört.

Das Netz hat mir eine Geschichte aus Australien erzählt: Ein Weißer und ein Aborigine verliefen sich im Outback. Der Weiße fand, das sei eine prima Gelegenheit, einige von den geheimnisvollen Kräften anzuwenden, die den Aborigines nachgesagt werden. Der Aborigine grub ein Mobiltelefon aus seinem Rucksack und rief einen Verwandten an. "Ich dachte, ihr könnt per Gedankenübertragung miteinander kommunizieren." "Klar können wir das", sagte der Aborigine, "aber so geht es viel einfacher."

E-Mail an den Autor: p.glaser@stz.zgs.de
 

Peter Glaser

10.09.2008 - aktualisiert: 16.09.2008 13:57 Uhr

 



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