Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 18.09.2008
Die Kunst des negativen Denkens
Haltlos lebensbejahend
Mit dem Revolver auf dem Schoß sitzt Geirr im abgedunkelten Zimmer in seinem Rollstuhl und schaut "Apocalypse Now". Seit dem Unfall steckt er in einem schwarzen Loch, und seine Frau Ingvild kommt kaum noch an ihn heran. Also greift sie zum letzten Mittel und holt die Psychologin Tori mit ihrer Behinderten-Therapiegruppe ins Haus - mit ungeahnten Folgen.
Der norwegische Filmemacher Bård Breien kennt kein Pardon: Gnadenlos nimmt er Gutmenschen, Berufshelferlein, Simulanten und Positivdenker aufs Korn. Dahinter steht die These, dass deren gut gemeinte Korrektheiten eigentlich verlogen und purer Egoismus sind und den Behinderten das Leben erst recht schwermachen.
Der schmucke Gard (Henrik Mestad) etwa wirkt fürsorglich, wie er seine vom Hals an gelähmte Frau Marte (Marian Saastad Ottesen) bei den Gruppentreffen umsorgt, doch es stellt sich heraus, dass ihn vor allem sein schlechtes Gewissen treibt. Die einsame Lillemor (Kari Simonsen), eigentlich gesund, nutzt die Therapiegruppe, um ihre Hypochondrie auszuleben und sich im Spiegel des Elends der anderen besser zu fühlen. Und Gruppenleiterin Tori (Kjersti Holmen) geht es vor allem darum, ihre Theorie von der Kraft des positiven Denkens an den Mann und die Frau zu bringen. Der zynische Geirr (Fridtjov Såheim) bringt die Verlogenheit ans Tageslicht und sprengt die Gruppe mit Selbstironie und Rauschmitteln aller Art.
Dank starker Schauspieler ist es Breien gelungen, das sensible Thema offensiv auszutragen und feine atmosphärische Veränderungen lebensnah umzusetzen. Man glaubt Marte gern, wenn ihre überschwänglich aufgesetzte Fröhlichkeit ins Gegenteil kippt. Der Reflex der Gesunden, sich gegen die Behinderten zu verbünden, wirkt unangenehm folgerichtig. Dazu zeigt Breien drastische Bilder: Der in seiner Haltlosigkeit schon wieder lebensbejahende Geirr steckt Marte einen riesigen Joint in den Mund, die verwitterte Lillemor reißt sich vor dem deformierten Schlaganfallopfer Asbjørn (Per Schaaning) die Kleider vom Leib.
Im letzten Drittel, nach all den Paukenschlägen, geht dem Kammerstück ein wenig die Luft aus, erweist sich die Handlung als allzu schmal. Breiens Fazit freilich steht: Manchmal kann Neues erst entstehen, wenn das Alte gründlich zu Klump gehauen worden ist.
Bernd Haasis
18.09.2008 - aktualisiert: 18.09.2008 11:04 Uhr