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Wilhelma

Spezialscheiben im Amazonienhaus marode

Der Urwald unter Glas leidet unter maroden Scheiben
Foto: Wagner

Sanierung in der Wilhelma kostet 1,5 Millionen Euro
 

Stuttgart - Kein prima Klima mehr für die tropischen Tier- und Pflanzenarten im Amazonienhaus der Wilhelma: Die Spezialglasscheiben des Gebäudes haben in den acht Jahren seit der Eröffnung offenbar derart gelitten, dass das Wachstum der Pflanzen beeinträchtigt war. Folge: Die gläserne Außenhaut des Gebäudes muss für rund 1,5 Millionen Euro komplett erneuert werden.

Warm, feucht, stickig, so muss es sich am Amazonas anfühlen, auch wenn ein Wasserfall dort mehr als nur die fünf Meter in die Tiefe stürzt. Mit dem Amazonienhaus der Wilhelma gönnt sich Stuttgart, dessen Bewohner ihren eigenen Fluss zuweilen stiefmütterlich behandeln, nur einen Steinwurf vom Neckarufer entfernt ein Stückchen Amazonas. Das Amazonienhaus bietet einen gleichwohl winzigen Eindruck der Vielfalt von Flora und Fauna des Tropenstroms. Das Haus liefert "die Illusion eines südamerikanischen Regenwaldes, der seine Geheimnisse nicht auf den ersten Blick preis gibt", heißt es dazu auf der Homepage der Wilhelma fast bescheiden zum Anfang 2000 mit großem Bahnhof eröffneten Urwald unter Glas.

Doch der Urwald am Neckar leidet: Schon voriges Jahr stutzten die Botaniker der Wilhelma. "Die tropischen Pflanzen sind in all den Jahren sehr gut gewachsen, auf einmal war das anders", berichtet Dieter Jauch. Der Direktor des zoologisch-botanischen Gartens ahnte damals, dass sich "eine Katastrophe" abzuzeichnen begann. Per Infrarotaufnahme am Gebäude bei Nacht wurden Jauchs Befürchtungen Gewissheit: Die Lichtdurchlässigkeit der Scheiben hatte offenbar gelitten und war geringer geworden. Vor allem beim ultravioletten Licht, fürs Pflanzenwachstum entscheidend, seien die Werte nicht mehr optimal gewesen. Auch Wärme nahm das Glas weniger auf und strahlte diese demnach auch in geringerem Maße ins Innere des Amazonienhauses ab. "Wir mussten reagieren", erinnert sich Dieter Jauch.

Land und Wilhelma entschieden sich zu einem Komplettaustausch der Spezialglasscheiben, weshalb das Gebäude derzeit an seiner Front zur Pragstraße hin eingerüstet ist. Ein hoher Kran überragt zudem das Amazonienhaus. Der dem Park zugewandte, gewölbte Teil des Dachs ist in zwei Abschnitten im Sommer 2009 an der Reihe. Die Arbeiten erfolgen bei laufendem Betrieb, dennoch kann es vorkommen, "dass das Amazonienhaus halbtageweise geschlossen werden muss". Dabei drängt die Zeit, "sonst erholen sich die Pflanzen nicht ausreichend, und ein optimaler Pflanzenwuchs macht den Eindruck des Hauses aus," so Jauch.

Rund 1,5 Millionen Euro kostet die Sanierung. Ein Betrag, der die Möglichkeiten der Wilhelma aus dem laufenden Etat heraus sprengen würde, sagt Jauch. Deshalb übernimmt das Land die Kosten. Bei der Frage nach den Ursachen für die veränderten Eigenschaften des Spezialglases verweist Jauch auf das Land. Nur soviel: Man habe beim Bau das bestmögliche Glas verwendet, "aber heute ist man gscheiter als damals". Möglicherweise seien auch Fehler gemacht worden.

Ob die Scheiben falsch eingebaut, eventuell bei der Isolierung geschlampt wurde, oder das Glas selbst eben doch fehlerhaft war, drüber war beim zuständigen landeseigenen Betrieb Vermögen und Bau Amt Stuttgart am Montag keine Auskunft zu bekommen. Auf Schadenersatz kann das Land, sollten sich als Ursache Baumängel herausstellen, nicht hoffen, da laut Jauch die fünf Jahre währende Gewährleistungsfrist verstrichen ist.

Um die von der Wilhelma beschriebene Illusion bieten zu können, wurde bis zur Eröffnung des Amazonienhauses Anfang 2000 damals 15 Millionen Mark aufgewendet. Land und Wilhelma-Förderverein hatten sich die Kosten geteilt. Unter anderem wurde eine ausgeklügelte Gebäudetechnik eingebaut, damit in dem Glasbau an der Pragstraße winters wie sommers zwischen 25 und 28 Grad Celsius herrschen bei einer ständigen Luftfeuchtigkeit von rund 80 Prozent. Nur so können Breitschnauzenkaimane und Goldkopflöwenäffchen überleben, Kautschukbäume und Lianen gedeihen.
 

Michael Deufel

22.09.2008 - aktualisiert: 23.09.2008 12:13 Uhr

 



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