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Intendant Sebastian Weingarten

"Diese kleine Kunst kann ganz groß sein"

Auch in der kommenden Spielzeit wieder im Renitenz Theater: "Hysterikon"
Foto: Sabine Haymann / Renitenz

Stuttgart - Das Stuttgarter Renitenz-Theater gibt sich zwar klein und behaglich, hinter der Plüschfassade verbirgt sich jedoch ein hochmodernes Erfolgsmodell für die Kleinkunstszene. Intendant Sebastian Weingarten lockt trotz mutiger Konzepte jährlich rund 35.000 Zuschauer in das Traditionshaus mit 170 Plätzen und bringt es damit auf eine Auslastung von über 70 Prozent.

Herr Weingarten, Sie leisten sich als eine der wenigen Kleinkunstbühnen Deutschlands ein Hausprogramm. Mit vielen Auftritten in anderen Ländern tragen Sie den Namen Stuttgarts ins Ausland. Ist Stuttgart - auch dank des Renitenz Theaters - eine der Kabarettmetropolen Deutschlands?
Auf jeden Fall. Das Renitenz Theater hat ja durch ihren Gründer Gerhard Woyda durchaus Kabarettgeschichte geschrieben. In drei Jahren feiern wir das 50-Jahr-Jubiläum des Hauses. Darauf darf man schon ein bisschen stolz sein.

Seit vier Jahren leiten Sie nun das Haus. War es schwer, Gerhard Woydas Nachfolge anzutreten?
Es ist natürlich nicht leicht, in solche Fußstapfen zu treten, vor allem wenn man wie ich konzeptionell einen Neuanfang wagt. Doch wer vor so etwas Angst hat, sollte sich um so einen Job gar nicht erst bewerben.

Gehörte zu Ihrer Konzeption neben den inszenierten Lesungen und der Umorientierung der Hausprogramme auf satirische Theaterstücke von Anfang an auch schon die Kabarettwerkstatt, die Sie nun schon zweimal mit Schülern umgesetzt haben?
Ja, ich wollte von Anfang an etwas mit Jugendlichen machen. Und die Robert-Bosch-Stiftung, die ja auch mit dem Literaturhaus Schreibwerkstätten organisiert, fand die Idee gut und sagte gleich ihre Unterstützung zu. Daraus ist dieses gemeinsame Projekt der Kabarettwerkstatt entstanden, das wir inzwischen auf vier ostdeutsche Städte ausgedehnt haben. Und es geht dabei nicht nur um politische Bildung, sondern auch um das Entdecken der eigenen Persönlichkeit. Das kenne ich von mir selbst: Ich habe nach dem Fachabitur zunächst ein Verwaltungsstudium gemacht und war total unglücklich, wollte immer einen künstlerischen Beruf haben. Dieser Wunsch wurde irgendwann so stark, dass ich mich im Alter von 21 Jahren aus dem Beamtenverhältnis entlassen ließ und eine Schauspielausbildung angefangen habe. Es wäre toll gewesen, wenn ich mit 15 oder 16 die Möglichkeit gehabt hätte, bei so einer Kabarettwerkstatt mitzumachen.

Nachwuchsförderung betreiben Sie aber auch mit dem Kleinkunstwettbewerb um den Stuttgarter Besen, der in diesem Jahr erstmals in den Wagenhallen stattfand. Preiswürdiges politisches Kabarett gab es da jedoch nicht zu sehen.
Dass das Gros der Bewerbungen immer im Chanson- und Comedy-Bereich liegt, ist ein Zeichen der Zeit. Das war schon mal anders, das verändert sich aber auch gerade wieder. Die Zahl der jungen Leute, die politisches Kabarett machen, nimmt wieder zu. Aber auch beim politischen Kabarett wird ja inzwischen immer mehr mit Comedy-Elementen gearbeitet.

Gibt die Politik nicht mehr genügend Stoff für Kabarettprogramme her?
Doch, sogar mehr denn je. Und ich finde, das, was ich in den Hausprogrammen mache, ist politisches Kabarett. Allerdings geht es dabei nicht um die Tagespolitik. Ich finde es spannender, in satirischen Theaterstücken gesellschaftspolitische Themen aufzugreifen. Ich habe nichts gegen Nummernkabarett. Ich präsentiere es ja auch bei uns im Haus. Die einen machen es besser, die anderen weniger gut. Aber es sind immer dieselben Themen. Das ist etwas, das mich ein bisschen langweilt. Ich bin Schauspieler von Beruf, darum ist es für mich interessanter, auf der Bühne Figuren zu zeichnen. Aber immer im Bereich der Satire: Zu uns kommt keiner, der Goethe oder Schiller in einer klassischen Inszenierung sehen will.

Sie bleiben also der Kleinkunst treu.
Kleinkunst ist ein blödes Wort, mit dem wir alle ein bisschen im Clinch liegen, weil es immer so aussieht, als ob die Kunst klein wäre. Doch diese kleine Kunst kann ganz groß sein, wenn sie gut ist. Kleinkunst ist eine Kunst, die kleine Räume, die Intimität braucht.

Aber jemand wie Mario Barth, der ja eigentlich auch Kleinkunst macht, ist neulich vor 70.000 Menschen im Stadion aufgetreten.
Das ist eine Entwicklung, über die ich nicht glücklich bin. Ich verstehe, dass man ein großes Publikum erreichen will und in größere Säle geht. Wer durch das Fernsehen berühmt geworden ist, will oft nur noch in den großen Hallen auftreten. Selbst bei uns im Theater kommt es immer seltener vor, dass ich einen Künstler eine ganze Woche lang präsentierten kann. Für Leute wie Mathias Richling oder Hagen Rether lohnt sich das nicht. Die treten lieber nur einen Tag in der Liederhalle oder im Theaterhaus auf und sind dann wieder weg.

Auch Ihre Bühne gibt sich reiselustig.
Ja, wir hatten das Nationaltheater Split hier, nachdem wir dort 2007 als erstes deutsches Theater beim Theaterfestival gastiert und die Satire "Vögel" nach Aristophanes aufgeführt hatten. Wir hatten ein Theater aus Kattowitz, ein Theater aus Lodz und eines aus Samara zu Besuch. 2007 bin ich auch zweimal in Samara gewesen. Ich habe beim allrussischen Theaterfestival teilgenommen, dann war ich mit einer offiziellen Delegation der Stadt Stuttgart dort; daraus ist jetzt diese Zusammenarbeit entstanden im Rahmen der Städtepartnerschaft zwischen Samara und Stuttgart ...

... die sie in diesem Jahr wieder nach Russland geführt hat. Wie war es diesmal?
Wir haben unsere Hausproduktion "Hysterikon" und eine "Autorenarena" im Theater Samarskaya Ploschtschad aufgeführt. Beide Vorstellungen waren restlos ausverkauft, und das Publikum und die Presse waren begeistert. Die Wertschätzung, die meinen Schauspielern und mir entgegengebracht wurde, hat uns sehr berührt.

Bei diesen vielfältigen Aktivitäten verbringen Sie viel Zeit mit Verwaltungsarbeit. Wünschen Sie sich manchmal, wieder nur als Schauspieler auf der Bühne zu stehen?
Ich spiele ja.

Aber nur nebenher.
Na ja, nebenher kann man das nicht machen. Das ist schon eine große Herausforderung, es neben all den Verwaltungsaufgaben noch irgendwie hinzubekommen, auch mal auf der Bühne zu stehen. Und ich muss sagen, es bringt mir wahnsinnig viel. Das ist wie eine Befreiung. Ich finde diese Kombination auch gut. Es gibt immer weniger Intendanten, die auch Künstler sind. Die Kulturmanager übernehmen die Theater.

Und in welcher neuen Rolle werden wir Sie im nächsten Hausprogramm erleben?
In keiner neuen; wir werden unser letztes Hausprogramm "Hysterikon" im Januar und Februar 2009 wieder in den Spielplan aufnehmen.

Worauf kann man sich in der neuen Spielzeit noch freuen?
Wir werden die diesjährigen Chamisso- Preisträger in der "Autorenarena" aufführen; zum ersten Mal findet das ChanSongFest im Oktober statt, direkt nach dem Chanson- und Liedwettbewerb. Natürlich gibt es wieder spannende Gastspiele, und ich freue mich besonders wieder Künstler im Renitenz zu präsentieren wie Ottfried Fischer, Lisa Fitz und Tim Fischer.

Informationen: 29 70 75
www.renitenztheater.de
 

Fragen von Gunther Reinhardt

23.09.2008 - aktualisiert: 23.09.2008 14:54 Uhr

 



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