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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 02.10.2008

Burn After Reading

Die Dummheit ist grenzenlos

Wenn vermeintlich sensible Daten eines frischgefeuerten Geheimdienst-Cholerikers in die Hände zweier unterbelichteter Fitness-Trainer fallen, dann kann es leicht zu unvorhersehbaren Verwicklungen kommen - besonders wenn die beiden versuchen, das Material meistbietend zu verkaufen, zum Beispiel an perplexe Vertreter der russischen Vertretung in den USA.

Nach dem Oscar-Triumph mit "No Country for Old Men" legen die Brüder Joel und Ethan gleich das nächste Meisterwerk nach, diesmal in der Grotesken-Tradition ihrer frühen Erfolge wie "Fargo". Und sie widmen sich einem komplexen Thema, unter dem die Menschheit leidet wie unter keinem anderen: der grenzenlosen, egozentrisch verdichteten Dummheit in all ihren Facetten.

Zur Fraktion derer, die Idioten sind, es aber nicht merken, gehört Linda Litzke, gespielt von Frances McDormand. Sie glaubt, nur eine umfassende operative Renovierung ihres Körpers könne ihre Karriere als Fitness-Trainerin noch retten. Doch ihr fehlt das Geld, das sie mittels der geheimen Daten zu erpressen hofft. Ihr Kollege Chad Feldheimer erweist sich dabei als keine große Hilfe, denn sein Horizont reicht kaum über Energydrinks und flotte Popmusik hinaus. Brad Pitt übertrifft sich hier selbst als argloser Berufsjugendlicher, der sich in einem Agentenkrimi wähnt und bei jeder Gelegenheit debile Bewegungen zur Musik aus dem Kopfhörer macht.

Eine zweite Gruppe besteht aus Charakteren, die sich für den Nabel der Welt halten und glauben, nur die anderen seien dumm. John Malkovich gibt den Agenten Osbourne Cox, der noch mit dem Whiskeyglas in der Hand behauptet, er habe kein Alkoholproblem. Er hat eine kurze Lunte, brüllt oft und hantiert gerne auch mal mit dem Beil. Tilda Swinton als seine Frau Katie spielt den Prototyp einer Karrierefrau und Beißzange, die sich keine Gefühle zugesteht und andere als Besitz erachtet.

Und dann ist da noch der Finanzbeamte Harry Pfarrer, der sich bewusst für die totale Oberflächlichkeit entschieden hat und nur an Sex denkt. George Clooney spielt ihn souverän als ewig grinsenden, ewig dieselben Witze erzählenden Womanizer.

Keine einzige Einstellung ist überflüssig, keine Szene zu lang, kein Satz zu viel - wie in der Goldenen Ära Hollywoods, als 90 Minuten den meisten Regisseuren ausreichten.

Die Figuren werden Opfer ihrer eigenen Blödheit

Die Coen-Brothers haben ihre Handlung straff strukturiert und setzen ihren markanten Figuren wirklich schlimm zu, genau so, wie starke Komödien das brauchen. Die Gags sind perfekt getimt, und jeder Akteur hat - in der Originalfassung - einen sehr eigenen (Umgangs-)Sprachduktus, ähnlich wie in "The Big Lebowsky" (1998). Natürlich fließt auch Blut, das gehört bei den Coens dazu, doch die Opfer sind wegen maximaler Blödheit letztlich selbst schuld.

Die CIA rätselt über das Treiben und Cox' Ex-Chef (J. K. Simmons) sagt zu einem Agenten: "Erstatten Sie mir wieder Bericht, wenn das alles einen Sinn ergibt." Keine Sorge: So weit wird es nicht kommen.
 

Bernd Haasis

02.10.2008 - aktualisiert: 02.10.2008 10:52 Uhr

 


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