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Vierbeiner als Flirtfaktor

Mit halbem Hund aufs Ganze

Foto: Oster

Ein Selbstversuch zeigt, dass die Kontaktaufnahme beim Gassigehen ihre Tücken hat
 

Manch ein Single betrachtet sich als halber Mensch. Ich hingegen habe einen halben Hund. Meine Dobermann-Weimeraner-Hündin Balou ist ein Scheidungshund. Obschon das wiederum auch nur die halbe Wahrheit ist. Denn Rüdiger, der Hund, der meinem Ex-Freund und mir tatsächlich gemeinsam anvertraut war, ist inzwischen gestorben. An Balou, seiner Nachfolgerin, habe ich nur das Gewohnheitsrecht.

Doch zurück zum halben Menschen. Dieser kann sich glücklich schätzen, wenn er einen Hund hat, und sei es auch nur ein halber. Dies geht aus einer aktuellen Online-Umfrage von Elite-Partner hervor. Denn, so die Online-Partnervermittlung, der Hund ist ein Flirtfaktor - und macht im besten Fall aus zwei halben Menschen ein Paar.

Dass es sich beim Gassigehen besonders gut flirten ließe, diese Erfahrung hatte ich persönlich bisher nur bedingt gemacht. Eher schon konnte man mich bisweilen darüber schimpfen hören, dass manche Menschen die Straßenseite wechseln, wenn Balou und ich ihnen entgegenkommen. Flirtfaktor Hund? Pustekuchen! Der schiere Anblick eines Hundes kann die stärksten Männer in die Flucht schlagen.

Überhaupt ist der Hund schuld, wenn's mit dem Mann nicht klappt. Auch diese Gewissheit und diesen Trost kann ich aus der Studie ziehen. Denn der Flirterfolg hängt maßgeblich von der Hunderasse ab. Am attraktivsten wirken Menschen, die mit einem Labrador oder einem Golden Retriever spazieren gehen, so urteilten 71 Prozent der 4500 Befragten. Jeder Zweite wirft ein Auge auf einen Dalmatiner-Besitzer. Besonders verzweifelte Frauen sollten sich einen Jack-Russel-Terrier zulegen - 45 Prozent aller Männer finden Frauen attraktiv, die sich mit diesem Felltier schmücken. Andersrum funktioniert das allerdings nicht: Nur jede dritte Frau würde mit einem Terrier-Herrchen flirten. Flirtkiller sind auch Zwergpinscher, Pudel und Kampfhunde.

Für Mops-Besitzer können sich nur 13 Prozent der Befragten begeistern. Das mag damit zusammenhängen, dass man sagt, dass sich Hund und Halter immer mehr angleichen - sowohl charakterlich als auch in optischen Belangen ("Hunde-Menschen, Menschen-Hunde", von Yann Arthus-Bertrand und Andre Pittion-Rossillon. Müller-Rüschlikon-Verlag, Stuttgart. Vergriffen). Und wer will schon einen Partner mit Dauerwelle oder Speckringen?

Ganz ohne Selbstkritik wollen wir aber nicht sein - so schön es ist, die Schuld auf jemand anderen schieben zu können. Denn wenn ich mit dem Hund in den Wald gehe, sehe ich für gewöhnlich aus wie ein rechter Waldschrat. Da macht Balou weit mehr her - auch wenn weder ihre Dobermann- noch ihre Weimeraner-Hälfte einer der beliebtesten Rassen zugeordnet werden können.

Also beschloss ich, mich testweise in Schale zu werfen und statt in den tiefen, einsamen Wald auf die sogenannte Hundewiese am Stuttgarter Bismarckturm zu gehen. Das ist die Autobahn unter den beliebten Hundestrecken: Alle 20 Meter trifft man auf einen Hund mit dem dazugehörenden Zweibeiner. Nur ist Balou leider ein Hunde-Misanthrop. Mit ihresgleichen gibt sie sich recht wenig ab. Gesträubtes Nackenfell, ein kurzes Beschnüffeln und schon trottet sie weiter. Wie, frage ich sie im trauten Zwiegespräch, soll ich denn da ins Gespräch, geschweige denn zum Flirten kommen? Worauf mich Balou mit ihren schönen gelbgrünen Augen herzenstreu anschaut. Na, wenigstens ein Lebewesen, das mit mir flirtet.

Doch die Menschen, die mir da auf der Hunde-Autobahn entgegenkommen, eignen sich nur bedingt dafür, ihnen schöne Augen zu machen. Eine Frau mit Kinderwagen und Goldenem Retriever (dabei hat diese Frau den Gewinner-Hund in Sachen Flirten augenscheinlich nicht mehr nötig), Jugendliche mit Labradorhunden (sind noch ein bisschen jung fürs Flirten), ältere Damen, ergraute Herren und junge Paare flanieren über die herbstliche Wiese. Aber kein einziger alleinstehender Mann ist in Sicht. Als mir zu guter Letzt noch eine Hundesitterin mit sechs Hunden entgegenkommt, gebe ich auf. Man stelle sich vor: Sechs potenzielle Herrchen sind mir da entgangen.

Also gehen Balou und ich in die Stadt. Genauer gesagt setzen wir uns vor die Kneipe Palast der Republik. Hier feierte ich einst Flirterfolge mit Rüdiger. Der nämlich hatte die Angewohnheit, in bester Wolfsmanier mitzuheulen, wenn ein Kranken- oder Polizeiwagen mit Sirene vorbeifuhr. So zog er alle Blicke auf uns. Während ich noch darüber nachsinniere, hat Balou zu meinem Erstaunen einen braunen Rhodesian ausgemacht. Denen kann ich auch nie widerstehen, die runzeln so nett die Stirn. Auch das Herrchen, bemerke ich, hat braune Haare und eine nette Stirn - ganz ohne Runzeln.

Gerade als auch wir beginnen, uns zu beschnuppern, kommt mein Ex-Freund, um Balou abzuholen. Er begrüßt mich mit einem Küsschen auf die Wange. Nun runzelt auch der Rhodesian-Besitzer die Stirn, erhebt sich und geht.
 

Andrea Jenewein

06.10.2008 - aktualisiert: 06.10.2008 13:31 Uhr

 



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