Bei Liebeskummer sprechen Ärzte vom Broken-Heart-Syndrom
Ein Herz kann man nicht repariern, ist es einmal entzwei, dann ist alles vorbei", singt Udo Lindenberg. Unzählige seiner Kollegen, Dichter, Denker und natürlich der Volksmund haben Ähnliches bestätigt. Enttäuschte Liebende sind sowieso davon überzeugt: Der Mensch kann sich nicht nur zu Tode fürchten oder vor Schreck tot umfallen, er kann auch an gebrochenem Herzen sterben. Nun mal halblang, werden Sie einwenden, nicht jeder Verlassene landet gleich auf dem Friedhof. Stimmt schon. Dennoch beschäftigen sich seit einiger Zeit Kardiologen mit dem Phänomen: Sie nennen es medizinisch-nüchtern Stress-Cardiomyopathie - oder mit etwas mehr Gefühl: Broken-Heart-Syndrom.
Endet eine Beziehung, so ist das für viele eine traumatische Erfahrung. In der psychologischen Stressskala steht eine Trennung nach dem Tod eines Angehörigen auf Platz zwei. Vor allem, wer plötzlich und grundlos verlassen wurde, von einem Menschen, mit dem er sich glücklich wähnte, leidet. Die Folgen des Liebeskummers sind Heulkrämpfe, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Fressattacken, Angstzustände, Wutanfälle. Lebensfreude und Zuversicht sinken. Das ist normal. Doch Stress und Schock können auch Schlimmeres auslösen: Atemnot, Brustschmerzen, Schwindelgefühle - die klassischen Symptome eines Herzinfarkts. "Patienten können nach plötzlichem emotionalem Stress mit allen Zeichen eines Infarkts ins Krankenhaus kommen. Bei näherem Hinsehen sind ihre Arterien aber normal, und ihr Herzschlag zeigt ganz charakteristische Merkmale", sagt der US-Kardiologe Ilan Wittstein.
In einer im Jahr 2005 kurz vor dem Valentinstag veröffentlichten Studie zeigten der Wissenschaftler und Kollegen von der John- Hopkins-Universität in Baltimore, dass und wie ein tragisches oder schockierendes Ereignis wie eine Trennung oder der Tod eines geliebten Menschen aufs Herz schlägt. Betroffen sind laut der Studie eher Frauen; Männer scheinen emotionalen Stress besser wegzustecken, um dann umso häufiger einen echten Infarkt zu bekommen.
Warum das Herz "bricht", ist dagegen noch unklar. "Die Konzentration von Stresshormonen im Blut dieser Patienten ist drei- oder viermal so hoch wie bei einem Infarkt", sagt Wittstein. Klar ist, dass der Adrenalinschub die Pumpkapazität beeinträchtigen und das Herz schädigen kann. Wittstein vermutet, dass das hohe Hormonniveau den Herzmuskel lähmt. Lebensgefährlich wird's, wenn der vermeintliche Infarkt in der Klinik - wie bei einem Arterienverschluss häufig der Fall - mit noch mehr Adrenalin behandelt wird. Die gute Nachricht lautet: Ohne solche Komplikationen ist das Broken-Heart-Syndrom heilbar; es bleiben keine Schäden.
Es stimmt also, wenn Lindenberg am Ende seines Lieds singt: "Ein Herz, das kann man repariern, und geht's mal entzwei, ist es längst nicht vorbei." Manchmal reichen schon ein paar Tage Bettruhe - zumindest zur körperlichen Genesung vom Broken-Heart-Syndrom. Die seelische Verarbeitung gestaltet sich schwieriger, ist aber nicht hoffnungslos. Auch hier gilt: Das Herz kann (und wird) sich vollständig regenerieren. Zunächst tröstet zwar nichts wirklich, nichts lindert den Schmerz. Obwohl er krank macht, gibt es gegen Liebeskummer nun mal keine Medizin. Dennoch: Trauer, Schmerz und Wut müssen raus. Um aus der Krise zu finden, sollte man daher oft und ausführlich mit Freunden und Familienangehörigen sprechen. Manche Verlassene fühlen sich auch erleichtert, wenn sie ihre Gefühle niederschreiben, als (nie abgeschickten) Abschiedsbrief oder in Form eines Tagebuchs.
So individuell die Aufarbeitung der Beziehung und ihres Endes ist, auch Rituale können helfen. Der eine fühlt sich besser, wenn er jeden Morgen seinen Lieblingstee trinkt, der andere, wenn er das Bad putzt. Da neben der Seele auch der Körper in Aufruhr ist, kann man Anspannung durch Bewegung abbauen. So schwer es fällt: Man sollte sich nicht verkriechen, sondern generell aktiv bleiben oder werden. Am schwierigsten und am wichtigsten ist es, das geknickte Selbstbewusstsein wieder aufzubauen. Nur wer sich vertraut und an sich glaubt, kann eine neue Beziehung eingehen. Denn selbst wenn man es im größten Schmerz nicht glaubt: Es gibt auf der Welt mehr als nur einen, der zu einem passt.