Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 09.10.2008
Krabat
Der Titel bleibt ein Versprechen
Sternsinger ziehen durch die Winterweite, müde und hungrig sind sie. Eine Hütte gibt spärlichen Schutz, eine Zukunft aber scheint es für diese Jungen nicht zu geben. Dann aber geht es ruck, zuck - und einer der Jungen sieht sich in eine unbekannte Mühle gerufen. Schon der Auftakt von "Krabat" hat wenig von der Magie des gleichnamigen, 1971 erschienenen Jugendbuches von Otfried Preußler. Trotz betont aufwendiger Kamerafahrten über die Weite der Landschaft, trotz der wunderbaren Erzählerstimme von Otto Sander.
Krabat geht den Raben nach - über Berg und Tal bis hin zur Mühle im Koselbruch. Niemand scheint da, die Betten der Müllerburschen sind leer. Alles auf Anfang also für Kreuzpaintners Film. Und sieht man nicht bald bekannte Gesichter? Christian Redl, Daniel Brühl, Robert Stadlober? Doch sie spielen nicht zusammen, agieren nicht auf ein gemeinsames Ziel hin, und im bloßen Nebeneinander kann auch der gerade 18-jährige David Kross seinem Krabat nur wenig glaubhaftes Leben einhauchen.
Jeder Satz in Preußlers "Krabat" provoziert ein Bild, viele Bilder. Jedes Bild in Kreuzpaintners "Krabat" ist eine Absage an die Vieldeutigkeit. Da ist es dann auch nur konsequent, dass die in Krabats Traum erwachte Liebe zu dem Dorfmädchen Kantorka dadurch gestärkt wird, dass die junge Dame ihm, nach erschrecktem Stolpern, mit der Grazie eines Besenstiels nahezu grußlos in die Arme fällt. Ein bitterer Vorbote für ein ebenso bitteres Finale - und das bei einer Vorlage, die der Fantasie alle Chancen gibt.
"Krabat", das hört man gerne, ist eine für den deutschen Kinofilm große Produktion. Realisiert von einem Team, das zudem in offiziellen Verlautbarungen stolz darauf ist, nicht im "Narnia"-Kitsch zu ertrinken oder auf der Daueraktionswelle der "Harry-Potter"-Saga zu reiten. Bloß - ist das der eigene Weg, ein Film, dessen Special Effects das "Achtung, jetzt!" signalisieren, bevor überhaupt etwas geschieht? Ein Film, der auf ein Dunkel setzt, das nicht farbig ist, sondern nur matt? Ein Film, der auf einen Ton setzt, der nicht neue Bezüge erschließt, sondern illustriert?
Das ambitionierte Projekt gewinnt nicht an Tiefe
"Krabat" ist ein wunderbares Buch über jenen immer wieder neu unheimlichen Wandel vom Kind zum Jugendlichen, über Vertrauen und Liebe. "Krabat" ist ein ungemein ambitioniert wirkender Film, der trotz aller Geheimnisse der Mühle doch nicht an Tiefe gewinnt. Zuletzt aber, und dies wiegt schwer: Bewusst wohl nimmt Kreuzpaintner die Ästhetik der tschechischen Jugendfilme der späten 1960er und 1970er Jahre auf. Diese aber bleibt leer, wenn sie nicht getragen wird von der Kraft des Spiels. Daniel Brühl und Robert Stadlober, beide so hervorragend schon gesehen, kommen mit diesem "Krabat"-Szenario nicht zurecht. So bleibt der Titel, bleiben auch Einzelszenen ein Versprechen, das der Film nicht halten kann. Vielleicht hat das "Krabat"-Team die Größe des Stoffes schlicht unterschätzt.
Nikolai B. Forstbauer
09.10.2008 - aktualisiert: 09.10.2008 11:40 Uhr