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Gerolsteiner-Teamchef

Holczer kämpft um seinen Ruf

Foto: dpa

Herrenberg - Keine Frage: Hans Holczer gefiel sich in der Rolle des Saubermanns. Im Kampf gegen Doping war der Gerolsteiner-Teamchef Wortführer unter den Rennstallbesitzern - umso härter trifft ihn der Skandal um Stefan Schumacher und Bernhard Kohl. Und es stellt sich die Frage: Wie glaubwürdig ist Hans Holczer?

Im Moment des Erfolges gab es keine Zweifel - nur Freude. Pure Freude. Es war am 8.Juli, am Ende der vierten Etappe der Tour de France. Hans Holczer und sein Pressesprecher Matthias Wieland warteten im Ziel in Cholet auf Stefan Schumacher, ihren Stärksten im Kampf gegen die Uhr. Der Nürtinger fuhr Bestzeit, und die sollte bis zum Ende halten. Holczer und Wieland, zwei große, kräftige Männer, fielen sich in die Arme. Geteilte Freude ist doppelte Freude.

Später, nachdem Schumacher das Gelbe Trikot übergestreift hatte, legte der Teamchef den linken Arm um seinen Fahrer, und mit der rechten Hand zupfte er an dem gelben Jersey - das Gerolsteiner-Logo sollte perfekt zu lesen sein, ohne das kleinste Fältchen. Heute wäre Hans Holczer froh, wenn dieses Foto nie gemacht worden wäre.

Denn es ist für seine Kritiker der Beleg dafür, dass statt Zweifeln nur Stolz im schmutzigen Spiel war. Statt an Schumachers fragwürdige Vita zu denken, habe Holczer gehofft, dass dieser Sieg vielleicht doch noch den lange gesuchten neuen Sponsor bringen könnte. Berechnung statt Skepsis? "Es ist doch Schwachsinn zu behaupten", sagt Holczer, "dass man an einem Resultat erkennen kann, ob ein Fahrer etwas genommen hat oder nicht. Das ist nicht möglich."

Die Zweifel kamen erst neun Tage später. Ricardo Ricco war erwischt worden, mit Cera. Damit war klar, dass dieses Epo-Präparat der dritten Generation nachweisbar ist. Schumacher schien sich darüber nicht zu freuen - und wurde in die Mangel genommen. Von den Teamkollegen, aber auch von Holczer. Schumacher leugnete, gedopt zu haben. Seinem Chef waren die Hände gebunden. "Ich kann ihn doch nicht rausnehmen, nur weil er nicht jubelt, dass Ricco erwischt wurde", sagt Holczer, "wenn gegen ihn nichts vorliegt, verklagt er mich sofort."

Gerolsteiner-Teamarzt bei der Tour war Mark Schmidt. Auch der Mediziner aus Erfurt konnte Holczer keine Beweise für Manipulationen liefern: "Es gab keine Anzeichen." Die Blutwerte Schumachers vor der Tour seien normal gewesen, der Test vor dem Start war es ebenfalls. "Und auch während der Tour wurde er von den Fahndern ja nicht erwischt", sagt Schmidt, "wir hatten also keine Chance. Nur weil einer schnell fährt, kann man ihn nicht verurteilen."

Und selbst wenn es bei Gerolsteiner im Hotel eine Polizei-Razzia gegeben hätte, wäre nichts zum Vorschein gekommen. Eine Cera-Spritze - Kosten: rund 500 Euro - wirkt vier Wochen, Schumacher konnte sie sich bequem zu Hause setzen. An das Dopingmittel heranzukommen ist so schwierig nicht. "Es ist seit Juli 2007 auf dem Markt", sagt der Kölner Dopingforscher Wilhelm Schänzer, "man kann es sich über Ärzte, Apotheken oder illegal besorgen. Wer es unbedingt haben will, bekommt es auch."

Neben Schumacher hat auch Teamkollege Bernhard Kohl mit Cera gedopt. Sie bildeten das schnellste Doppelzimmer der Tour. Schumacher gewann zwei Zeitfahren und fuhr zwei Tage im Gelben Trikot, Kohl war Bergkönig und Gesamtdritter. Beide machten einen Leistungssprung. Dass Kohl nun ebenfalls erwischt wurde, nährt die Zweifel an der Rolle von Holczer.

Ein ahnungsloser Teamchef? Im dopingverseuchten Radsport? "Holczer ist für mich nicht glaubwürdig", sagt der geständige Dopingsünder Jörg Jaksche. Und Patrik Sinkewitz, wie Jaksche nach seinem Geständnis ohne Rennstall, erklärt: "Unmöglich, dass Hol-czer nichts gewusst hat. Das ist totaler Blödsinn. Er will als Saubermann abtreten."

Der 54-jährige Herrenberger, ein scharfer Kritiker der Kronzeugen Jaksche und Sinkewitz ("Sie haben im Radsport nichts verloren"), weiß um die Folgen des Dopingskandals in seinem Team: "Das fällt massiv auf mich zurück. Aber hier findet eine Hexenjagd auf die Falschen statt." Holczer wird um seinen Ruf kämpfen - und Schumacher und Kohl verklagen. Er will Schadenersatz und den Beweis antreten, von nichts gewusst zu haben. Der Teamchef hat keine Angst, im Prozess vom Opfer zum Täter zu werden: "Es gibt rein gar nichts, was mich belasten kann. Ich bin da ganz ruhig."

Und sonst? Zieht sich Holczer komplett aus dem Radsport zurück - ab sofort. Gerolsteiner wird die Lombardei-Rundfahrt am Samstag nicht mehr bestreiten. Das Nachwuchsteam Ista, das ihm gehört, betreibt er nicht weiter. Der Lehrer für Mathematik und Geschichte hat die Nase voll - er fühlt sich macht- und hilflos, hintergangen von Schumacher und Kohl. "Das geschah ohne Duldung, Unterstützung und Initiative von mir", sagt Holczer, "ich habe null komma null mit Doping zu tun. Ich kapituliere vor dieser kriminellen Energie."

Als Bernhard Kohl am 27. Juli in Paris einfuhr, trug er das Bergtrikot. Die Gerolsteiner-Fahrzeuge waren verziert mit unzähligen roten Punkten. Auch diese Fotos will heute niemand aus dem Team mehr sehen.
 

Jochen Klingovsky

14.10.2008 - aktualisiert: 14.10.2008 19:12 Uhr